Arbeitslosenstatistik ist ein schlechter Witz

Monat für Monat verkünden uns Politik und Medien die aktuelle Arbeitslosenstatistik. Im April sollen wieder weniger als drei Millionen Menschen arbeitslos gewesen sein, in Brandenburg sank die offizielle Quote um 0,5 Punkte auf 10,6 Prozent. Doch was sagen diese Zahlen eigentlich aus? Genau genommen: nicht besonders viel. Statt der besagten drei Millionen bezogen nämlich zu diesem Zeitpunkt weit über sieben Millionen Menschen Arbeitslosengeld I, II oder Sozialgeld, obwohl die meisten von ihnen als „beschäftigt“ gemeldet waren. Damit die Arbeitslosenquote und so die Wahlergebnisse positiver ausfallen, subventionieren Politiker schlecht bezahlte Arbeit, welche die Steuerzahler mit ihrem Geld und die Arbeiter mit ihrer Würde bezahlen müssen, während einzig und allein die Konzerne von der praktisch geschenkten Arbeitskraft profitieren. Die Hartz-Reformen haben diese Strategie perfektioniert. Weitere Millionen Menschen verschwinden als chronische Kranke oder aufgrund von altersbedingter Arbeitslosigkeit aus den offiziellen Statistiken.

Dass die Arbeitslosenzahlen nichts anderes als eine gefährliche Schönheitsoperation, eine Massenberuhigungspille sind, haben die meisten schon lange erkannt. Viel fataler aber als das monatliche „Lifting“ der aktuellen Zahlen ist die Art und Weise, wie Menschen ohne Arbeit von den ökonomischen Entscheidungsträgern und den Armutsverwaltungseinrichtungen systematisch als „nichtsnutzig” und „überflüssig” zu gesamtgesellschaftlichen „Sündenböcken“ erniedrigt werden. Den Arbeitslosen mangele es angeblich an „Eigeninitiative”, „Durchsetzungsvermögen” und „Verantwortungsbereitschaft”, sie seien meist nur „Sozialschmarotzer” und seien schlicht zu „faul” zum Arbeiten. Massenmedial, z.B. im Nachmittagsprogramm des Privatrundfunks, werden Menschen ohne Arbeitsverhältnis als dumm, ungepflegt, asozial und gemeingefährlich inszeniert, um Kürzungen von Transferleistungen, soziale Verachtung und sonstige Repressalien gegen sie zu rechtfertigen. Tatsächlich aber sind schlicht und ergreifend schon lange nicht mehr genügend würdig bezahlte Vollzeitarbeitsplätze für alle Menschen vorhanden – die Folge jahrzehntelang betriebener Politik zugunsten von Arbeit-„Gebern“ und zuungunsten von Arbeit-„Nehmern“.

Bei diesem ewigen inszenierten „Kampf gegen die Arbeitslosigkeit“ der Parteien und Insitutionen werden diese Fakten gern weggeschminkt. Dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland seit 1960 von einst einem Prozent stetig auf noch kürzlich (offizielle!) 13 Prozent angestiegen ist und auf diesem hohen Niveau stagniert, wird lieber verschwiegen. Dabei lässt sich dieser allgemeine Trend auf der ganzen Welt nachweisen: Mit dem explosionsartigen Anstieg der Arbeitsproduktivität aufgrund der technologischen Entwicklung können Unternehmer preiswerter produzieren, wenn sie auf menschliche Arbeitskraft verzichten. Würde die Arbeitseinsparung in Form von Arbeitszeitverkürzungen (z.B. durch Einführung der 35-Stunden-Woche), ein bedingungsloses Grundeinkomen oder zumindest durch einen flächendeckenden Mindestlohn an die Menschen weitergereicht werden, könnte man sich über diese historische Entwicklung freuen. Doch unter marktwirtschaftlichen Bedingungen wird das nicht möglich sein: Die Menschen sollen möglichst nichts verdienen, aber so viel wie möglich konsumieren – ein unauflösbarer Widerspruch, welcher unserem derzeitigen Wirtschaftssystem einprogrammiert ist.

Von einem kritischen und modernen Journalismus würde ich es mir wünschen, die Zusammenhänge der globalen Arbeitslosigkeit endlich im Gesamtzusammenhang zu betrachten und die wirklichen Ursachen und Wirkungen zu beleuchten, statt Monat für Monat fleißig die beschönigenden Pressemitteilungen abzutippen und mit bunten euphorischen Grafiken zu versehen. Diese Zahlen und Diagramme  sind sie ein schmerzhafter Schlag ins Gesicht der Menschen, denen eine Teilhabe an unserer Wirtschaft systematisch verwehrt wird.

Ein ausführlicher Beitrag zum Zusammenhang zwischen der wachsenden Arbeitslosigkeit und der gestiegenen Arbeitsproduktivität erscheint in Kürze in den „perspektiven ds“.

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3 Responses to Arbeitslosenstatistik ist ein schlechter Witz

  1. Gutzmann sagt:

    Dass die Statistiken geschönt sind, ist wohl wahr, die Hintergründe hast du sehr richtig analysiert. Die Frage nach dem Warum der hohen Arbeitslosigkeit/Armut kann aber jemand, der mangels Erfahrung und Ausbildung sowohl von der Entstehung von Arbeitslosigkeit als auch der Ursachen der empfundenen Armut keinerlei Kenntnisse hat, selbstverständlich nicht beantwortet werden. Von daher wäre es nicht dramatisch stumpf die sozialistischen Forderungen nach Umverteilung immer wieder zu wiederholen. Das traurige hieran ist nur, dass gerade Mindestlöhne und Grundeinkommen ihre Ursprünge im Faschismus haben, da mit ihrer Hilfe Randgruppen gezielt ausgegrenzt werden sollten. Was in einigen Ländern ja auch effektiv passiert ist (s. USA, Frankreich).

    PS: In Deutschland von einer Massenverarmung zu sprechen ist reinster Hohn und unterstützt den Eindruck vollkommener Verzerrung der Wahrnehmung.

    • Denis Newiak sagt:

      Lieber Johannes,
      auch wenn es immer Arbeit bedeutet, freue ich mich, dass dich meine Artikel zum Lesen einladen. Noch größer wäre meine Freude, wenn sie dich auch zum Nachdenken, zum Hinterfragen der klassischen Ideologien aus dem Wirtschaftsstudium animieren würden. Stattdessen verdrehst du lieber alles. Den Mindestlohn, welchen nun plötzlich selbst die CDU in abgewandelter Form haben will, und das Grundeinkommen als faschistische Instrumente hinzustellen, zeigt mir, dass du am Ende deiner argumentatorischen Leistung angekommen bist. Du kannst ja in deinem nächsten Kommentar über den Ursprung des Tages der Arbeit als gesetzlichen Feiertag reden und das Bild abrunden. Vielleicht ist das aber gar nicht nötig, denn durch dein Unverständnis für die Lebenssituation von Millionen Menschen in Deutschland, die von ihrer Arbeit nicht leben können und die am Existenzminimum festkleben, während andere nicht wissen, was sie mit ihren Millionen und Milliarden anfangen solllen, zeigt nicht nur, wofür du stehst, sondern dass du auch nicht in der Lage bist, gängige Statistiken wissenschaftlich und vernünftig auszuwerten, ohne in Ideologie zu verfallen.
      Was ich an deinem Kommentar besonders arrogant und gefährlich halte, ist, dass deiner Meinung nach keiner ohne ein „Wirtschafts“-Studium in der Lage sein soll, über die aktuelle Situation nachzudenken und Schlussfolgerungen zu ziehen. Der oben aufgeführte Text ist eine Kurzfassung eines wissenschaftlichen Artikels, welcher spätestens im dritten Quartal im Schüren-Verlag erscheint, wo du ihn gern beziehen kannst.

  2. Gutzmann sagt:

    Lieber Denis,

    frühe Befürworter eines gesetzlichen Mindestlohnes haben argumentiert, dass mithilfe eines solchen Minderheiten von der Erwerbsarbeit ausgeschlossen werden können und sich somit nicht weiter fortpflanzen würden (siehe z.B. Sidney Webb (1912): „Of all ways of dealing with these unfortunate parasites, the most ruinous to the community is to allow them to unrestrainedly compete as wage earners.“, bzw. siehe Royal Meeker (1920-1923): „It is much better to enact a minimum wage law, even if it deprives these unfortunates of work […] Better that the state should support the inefficient wholly and prevent the multiplication of the breed than subsidize incompetence and unthrift, enabling them to bring forth more of their kind.“ und siehe Florence Kelley: „[…] preventing the unbridled competition of the unemployable, the women, children and Chinese [who] were reducing all the employees to starvation.“ (1913)) Für mich ist das Faschismus/Rassismus, wie du willst. Du kannst die Zusammenfassung dieses Problems hier nachlesen: [http://www.princeton.edu/~tleonard/papers/retrospectives.pdf]

    Unabhängig davon ist klar ersichtlich, dass exakt diese Phänomene eingetreten sind, wenn es Mindestlöhne gibt (Algerische Slums in Paris, afro-amerikanische Kriminalität und Slums in den USA). Man braucht im Prinzip nur ein einfaches Verständnis des Arbeitsmarktes und von Angebot/Nachfrage-Modellierung, um selbst darauf zu kommen. (Siehe Robert Murphy: Lessons for the Young Economist (2010)). Ich sage nicht, dass jemand ohne Wirtschaftsstudium sich dazu nicht äußern darf, lediglich, dass dann zu erwarten ist, dass derjenige die Hintergründe möglicherweise nicht versteht und nur die oberflächlichen Effekte betrachtet. Dass das Grundeinkommen mit seinen Auswirkungen auf Preise die gleichen Effekte haben wird, wie oben beschrieben der Mindestlohn, sollte auch leicht einzusehen sein. Überhaupt wird die Entwicklung der Preise/des Preisniveaus von vielen „linken“ „Ideologien“ vollkommen ausgeklammert und als statisch angenommen, was ein Kardinalfehler ist.

    Abschließend: Marktwirtschaft ist keine Ideologie (im Gegensatz zu allen Spielarten des Sozialismus/Kommunismus/Kollektivismus), sondern ist das natürliche, durch interagierende Menschen entstandene Wirtschaftssystem. Da sie eben nicht ideologisch durchgesetzt werden muss(te), kann das Verhalten einzelner Akteure nicht „dem System“ angehängt werden. Gerade der Trade-Off zwischen Löhnen und Preisen, den viele Unternehmer lösen müssen, stellt das sehr gut dar.

    LG, Johannes

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