„Mit Mut und Hoffnung“: Potsdamer Antifaschist Otto Wiesner hat unsere Würdigung verdient

Derzeit feiert Potsdam kostenintensiv das 300. Jubiläum von Friedrich dem Großen: Für ihn werden Ausstellungen inszeniert, Veranstaltungen organisiert und in den Potsdamer Restaurants finden sich sogar ganze Menüs, die sich seines Namens bedienen. Dass der militaristische Monarch zehntausende Menschen auf dem Gewissen hat, wird nur am Rande erwähnt. Vor diesem Hintergrund werden zugleich zig Millionen in die Hand genommen, um das „Stadtschloss“, das Symbol dieser nicht gerade ruhmreichen Zeit voller Gewalt und Fremdbestimmung, wieder zu rekonstruieren – zynischer Weise als geplanter Sitz unserer institutionalisierten Demokratie. Wenn es um die Anlockung von Touristen oder die Idealisierung der preußischen Vergangenheit geht, stellen sich Potsdamer Amtsträger gern blind.

Genauso verlogen scheint mir die Diskussion um die Ehrung des Potsdamer Antifaschisten Otto Wiesner, der in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Mauthausen auf seine Vernichtung durch die Faschisten wartete, weil er als Kommunist für eine menschenwürdige und klassenfreie Gesellschaft einstand. Das neue Gutachten zum Leben Otto Wiesners, das in die Diskussion um eine angemessene Würdigung des Freiheitskämpfers neuen Schwung bringen sollte, bekräftigt in weiten Teilen das bereits Bekannte: Es bestätigt nicht nur, dass Otto Wiesner während seiner Internierung unzähligen Menschen lebensrettende Mahlzeiten zukommen ließ und dabei sein eigenes Leben riskierte, sondern auch, dass er in den 50er Jahren alle Parteiämter niederlegte, um sich seiner eigentlichen Aufgabe zu widmen: der Schriftstellerei und der Aufklärung der Jugend über das dunkelste Kapitel in der Menschheitsgeschichte. Dieser Aufgabe hat Otto Wiesner sein ganzes Leben geopfert – er hat es nicht nur uns Potsdamern vermacht, sondern unserer aller Zukunft, in der wir endlich gut und würdig leben werden dürfen. Hätten sich alle Menschen, deren Namen sich heute auf Straßenschildern und Gedenktafeln wiederfinden, so selbstlos verhalten, wären wir in dieser lebenswerten Zukunft schon längst angekommen.

Otto Wiesner, geb. 1910, gest.  2006 (Foto: M. Pilarski)
Otto Wiesner, geb. 1910, gest. 2006 (Foto: M. Pilarski)
Während der Produktion eines Dokumentarfilms für die Jugendarbeit des Humanistischen Verbandes habe ich Otto Wiesner, den guten Freund des Namensgebers des Willi-Frohwein-Platzes in Babelsberg, als einen solchen Menschen kennen gelernt: Einen zierlichen aber mutigen Menschen, der trotz aller Schreckenserfahrungen die unerschöpfliche Kraft aufgebracht hat, auf tausenden Diskussionveranstaltungen das Wort für Menschlichkeit und gegen Faschismus und Krieg zu erheben und junge Menschen für eine friedliche Zukunft zu begeistern. Selbst wenn Otto Wiesner kein Held gewesen sein soll, war und ist er über seinen Tod im Jahr 2006 hinaus für viele Menschen ein Botschafter, auf den unsere Stadt stolz sein kann. Oberbürgermeister Jann Jakobs und Ministerpräsident Matthias Platzeck haben das erkannt, ihn persönlich für seine Verdienste geehrt und ihn sich zusammen mit Willi Frohwein ins Goldene Buch der Stadt Potsdam eintragen lassen.

Nun wäre es an der Zeit, nach der Veröffentlichung des Gutachtens auf einem würdigen Niveau weiter zu diskutieren, so wie es in einem Kommentar der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 29. November berechtigterweise gefordert wird. Umso erstaunlicher sind die jüngsten Reflexreaktionen von Stadtpolitikern, das Gutachten als Abschlussplädoyer, als Pauschalverurteilung einer ganzen Lebensleistung zu deuten, statt die vorgebrachten – beinah durchgängig nicht nachweisbaren oder lediglich diffus oder abstrakt bleibenden – Vorwürfe in dem Gutachten wissenschaftlich, den historischen Umständen entsprechend und für eine Demokratie angemessen zu bewerten. Das wäre nicht nur im Sinne unserer Gesellschaftsordnung, sondern auch der Verfasserin des Gutachtens.

„Ich kann nicht alles beantworten“, sagt Otto Wiesner im Film „Mit Mut und Hoffnung“ über sich selbst.  Eines konnte er aber ganz bestimmt: Hoffnung geben, dass die Mitternacht der Menschheitsgeschichte überwunden ist und sich eine Dämmerung andeutet. Mir konnte er diese Hoffnung geben. Dafür danke ich ihm persönlich – und ich bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige in Potsdam bin.

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