Singende Revolutionäre, fiese Klausuren und sowjetische Jungbrunnen: Mein Montag auf der 61. Berlinale

Nachdem ich mich am Sonntag nach einem langen Jahr des Wartens wieder an die Berlinale herangetastet habe (obwohl ich eigentlich eher für eine Klausur hätte lernen müssen…) und einen gelungenen Einstieg mit dem ratlos lassenden Afrikadrama „Schlafkrankheit“ (Köhler, Deutschland/Frankreich/Niederlande 2011) und der bissig-herzlichen Tragikomödie „Almanya – Willkommen in Deutschland“ (Samdereli, Deutschland, 2010) – zu diesen beiden Filmen später mehr –, standen heute um 9.30 Uhr im Friedrichstadtpalast „Sing Your Song“ (Rostock, USA 2010), das russische Sciencefiction-Gesellschaftsdrama „Mishen“ (Zeldovich, Russland 2010) sowie die Berlinale Short IV mit „Frage an meinen Vater“ (Mühe, Deutschland 2011), „Apele Tac“ („Silent River“, Lazarescu, Deutschland/Rumänien 2011) und „Planet Z“ (Seto, Frankreich 2011) auf dem Programm.

„Wie hatten ihnen der Film gefallen?“, fragte mich die freundliche Berlinale-Mitarbeiterin an der Garderobe im Friedrichstadtpalast, als ich gegen 11 Uhr Jacke und Rucksack (an den ich liebevoll einen Hocker als Beinentlastung für das Schlangestehen im Morgengrauen gebunden habe) abhole. Den genauen Wortlaut meiner Antwort weiß ich nicht mehr. Ich äußerte mich auf jeden Fall positiv zu “Sing Your Song”, aber in dem Moment waren die Eindrücke noch zu frisch, ich war ein wenig geplättet nach dem Film, der von Musik und Rassismus erzählt und dabei zugleich lachen und weinen lässt, zum Mitklopfen der Calypso-Rhythmen einlädt und zum schockierten Schweigen und am Sesselfesthalten auffordert. Harry Belafonte, US-amerikanischer Sänger und Schauspieler, blickt in dem Dokumentarfilm auf sein Leben zurück: Als Künstler mit dunkler Hautfarbe hat er es in den rassistischen USA zunächst keine großen Aussichten auf Karriere. Doch als er merkt, dass er mit seiner Kunst auf die Probleme der armen und unterdrückten Menschen in den Vereinigten Staaten aufmerksam machen kann, ist er nicht mehr zu bremsen: Eine heute völlig harmlose Berührung einer Frau mit heller Hautfarbe und ein gemeinsames Bad im Pool werden zu „Skandalen“. Doch die Schlagzeilen verhelfen ihm nur zu noch mehr Popularität. Eine Begegnung mit Martin Luther King wird zum ausschlaggebenden Erlebnis für ihn, seine künstlerische Tätigkeit voll und ganz zu nutzen, um sie als Mittel gegen die damaligen Gegenwartsprobleme einzusetzen – die die gleichen sind wie heute. Im Mittelpunkt des nur langsam an Fahrt gewinnenden Films stehen die unzähligen Dokumente, die sorgfältig und ausgewählt sind und das Wirken von Belafonte macht, gleichzeitig ein zugleich düsteres und romantisches Bild der USA nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnen. Im Forrest-Gump-Stil lernen wir anhand seines Lebens dieses Land kennen, welches erst vor wenigen Jahren Europa mit vom Faschismus befreit hat, selbst aber völlig faschistisch ist – eine andere Bezeichnung ist für die Verhältnisse, die die dunkelhäutige Bevölkerung ertragen muss, nicht nutzbar oder treffend. Als eine Dokument eingespielt wird, in welchem der Tod von Martin Luther King verkündet wird, schreit die Menschenmasse vor dem Podium mit unglaublichem Entsetzen auf, die Zeit im Friedrichstadtpalast scheint für einen Moment hinfällig geworden zu sein. Gänsehaut, auf die jede_r verzichten kann. Die modernen Farbbilder von geschlagenen Demonstrierenden, blutenden und weinenden Kriegsopfern und gefolterten Gefangenen, die den Film stark einleiten, werden erst ab dem zweiten Drittel wieder präsent. Denn hin zum Ende des Werkes, wenn unter Belafontes Anstoß weltweit Musiker_innen zeitgleich „We are the World“ singen und die Demonstrationen vom Irakkrieg gezeigt werden, zeigt sich, dass die Konflikte die gleichen sind wie vor fünfzig Jahren. „Armut wird in den USA kriminalisiert“, kommentiert der heute 83jährige Belafonte Bilder von schwarzhäutigen Menschen, die in Gefängnissen zusammengepfercht werden, weil an ihnen in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung kein Interesse besteht. Dass aber trotz aller Widersprüche jede_r seinen Beitrag dazu leisten kann, dass sich die Welt tendenziell zum Besseren wendet – hin zu Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenwürde für Menschen in allen Ländern der Welt –, zeigt dieser Film, den das Publikum wohl erst zum Ende hin richtig schätzen wird: „Die Welt braucht Hoffnung, eine Vision“. Belafonte sprach die Probleme in seinen Liedern an, und die die auf der Berlinale vertretenen Künstler nutzen ihr Medium. Die Bedienung an der Garderobe meinte, gestern sei Belafonte selbst da gewesen. Schade, dass ich zu diesem Zeitpunkt über dem Urheberrechtsgesetz gehockt habe.

Nach dem Film sollte eigentlich „Cave of Forgotten Dreams“ an der Reihe sein, langsam und selten fahrende S-Bahnen und die Müdigkeit, die sich in den letzten Tagen summiert hatte, siegten allerdings. Hoffentlich hat sich der Verzicht auf viele großartige Filme zugunsten aktiven und erbarmungslosen Büffelns für die Klausur „Urheber- und Markenrecht“ im Rahmen des Studiums „Europäische Medienwissenschaft“ an der Uni Potsdam gelohnt: immerhin hat es zwei ganze Festivaltage geklaut… Egal, wie es gelaufen ist: Hauptsache, die Geschichte ich überstanden.

Am Abend belohnte ich mich noch mit „Mishen“ („Target“) aus Russland, ein Film, der im Berlinale-Programm als Zukunftsvision eines Russlands, wie es in zehn Jahren sein könnte, zusammengefasst wird. Zu Beginn fliegen einem futuristische kyrillische Buchstaben entgegen, in Anzügen und edlen Stoffen gekleidete offensichtlich wohlhabende Personen leben in sterilen, wohl luxuriösen Räumlichkeiten und fahren schnelle Sportwagen (die Marke war klar zu erkennen, doch ich werde mich hüten, die Schleichwerbung hier fortzusetzen). Die Charaktere, die oberflächlich betrachtet alles haben – Geld, Geld und Geld –, merken allmählich, dass sie eigentlich doch nicht so viel haben. Das Wichtigste fehlt ihnen, die immer wieder betonten Werte „Freedom, Youth, Hapiness“. Alle drei gehen ineinander über, zumindest in diesem Film, der erst neugierig macht, aber schnell abschreckt, wenn der Soundtrack wie von einer billigen CD mit dem Aufdruck „Gemafrei“ zu kommen scheint und sich im Laufe des Abends auch nur geringfügig zum Positiven entwickelt. Am Wichtigsten ist den Leuten mittleren Alters in diesem Film ihre (nicht vorhandene) Jugend. Als sie in einer alten sowjetischen Versuchsanlage (die anscheinend eine bestimmte Art von Elementarteilchenstrahlung bündelt oder etwas in diese Richtung) im 50-Seelen-Ort „Bombay“ aufbrechen, scheint ihre Alterung stehen zu bleiben. Die unzähligen Graphitschichten wirken auf sie wie ein Jungbrunnen, der erst Glück und dann Verderben bringt. Während die wenigen Einwohner des Dörfchens fern von Zivilisationsmüll leben und von der Natur leben, kehren die Reichen zurück nach Moskau – und verwandeln sich allmählich zu Bestien, die ihre Jugendlichkeit nicht mehr kontrollieren können. Erst wirkt die neu gewonnene Potenz und Lust belebend auf die eingestaubten Beziehungen zwischen den Figuren, bis das Begehren zum brutalen Verlangen wird, welches gestillt werden muss. Während die neue russische Gesellschaft, welche im Film als „ökologische Demokratie“ bezeichnet, aber leider nicht näher erläutert wird, weiterhin die Konsumgüter erzeugt, die erst das Unglück provoziert haben – auf zwanzigspurigen Autobahnen drängen die Riesen-LKW sich gegenseitig von der Straße –, verlieren die Protagonisten allen Lebensinhalt, bis sie erst sich gegenseitig und dann sich selbst eliminieren. Überleben tut das Jungbrunnenwunder nur die Figur, die sich von der Lust und dem Drang nach ständiger Befriedigung ihrer Sehnsüchte befreit und nach „Bombay“ zurückgeht. Niemand soll über seinen Verhältnissen leben. Doch Mäßigung ist leicht, wenn man in Milliarden schwimmt: Wie es der restlichen Bevölkerung in der Großstadt, die keine Privilegien als Minister oder Ministerfrau genießt, dieser Dystopie geht, bleibt unbeleuchtet. Die Story beginnt spannend, ermüdet aber an überflüssigen Szenen, die die Handlungen nicht voranbringen, unter anderem auch die sich zwischenzeitlich Selbstzweck entwickelnden Erotikszenen, die erst am Ende wieder an gesellschaftskritischer Brisanz gewinnen. Auch so manche übertechnisierte Metapher wie die funkelnde Brille, die „konstruktive“ und „destruktive“ Substanzen mit rot bzw. blau erkenntlich macht (kein großes Rätsel: die Konsum- und Triebwelt erscheint zunehmend in einem kalten tötlichen Blau) wirkt aufgesetzt und wird überstrapaziert, ohne den gewünschten Erzähleffekt zu erzielen. Nach 154 Minuten ist man froh, den Saal verlassen zu dürfen, aber auch zugleich glücklich, den Film gesehen zu haben. Eine Zwiespältige Situation. Auf alle Fälle bemüht sich das Sciencefictiondrama, zu zeigen, wohin die Reise des an Identitätsmangel leidenden Russlands gehen kann, auch wenn das heute gesehene recht unwahrscheinlich bleibt. Spitzen sich die Verhältnisse zwischen Hypermilliardären, die nichts tun, außer Luxusgüter zu konsumieren, ohne zu produzieren, und Extremarmen, die nicht mehr produzieren dürfen, weiterhin so zuspitzen, wie es derzeit der Fall ist, scheint der große Knall, wie er sich derzeit in manchen Ländern ankündigt, nahe liegender.

Mehr zu den sonstigen Filmen gibt es morgen: Jetzt wird es Zeit, dem Unterbewusstsein Zeit zu geben, die Tageseindrücke aufzusaugen und zu verarbeiten. Gute Nacht!

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