Suche nach der Wahrheit: “Aujourd’hui” (“Tey”) und “Extremely Loud And Incredibly Close” auf der Berlinale

Morgens um 9.30 Uhr war es nicht gerade leer im Berliner Friedrichstadt-Palast, als zu früher Stunde “Aujourd’hui” (“Tey”) lief. Der Film mit dem amerikanischen Sänger Saul Williams in der Hauptrolle erzählt die Geschichte eines jungen, kräftigen Mannes namens Satché, der weiß, dass er am Abend dieses einen gezeigten Tages sterben wird. Keiner weiß, warum es Stachés letzter Tag ist – oder zumindest verrät es niemand. Satché hat die Gelegenheit, nachdem er einst zum Studium nach Amerika umgesiedelt und erst vor einem Jahr wieder zurückgekehrt ist, sich an diesem einen Tag von seiner Familie, seine Freund_innen und Ex-Freund_innen zu verabschieden. Warum er sich verabschieden muss, bleibt unklar, aber unausweichlich. Allerdings könnte man sich einen schlechtern “letzten Tag” vorstellen: Er zieht durch seinen Heimatort in Senegal und trifft auf gut gelaunte Passant_innen, die ihm spontan eine Abschiedssause ausrichten, seine Kumpels (die zwar zwischenzeitlich ein bisschen rumstreiten, sich aber in Respekt vor ihrem Freund dann doch zurückhalten), und selbst die Stadt richtet ihm, mit hinzugeladenen wichtigen Gästen, eine Ehrenfeier aus – Von fast allen wird er eben für diesen einen Tag wie auf Händen getragen. Nur seine aussichtslose “alte Liebe” glaubt, erkannt zu haben, wonach Satché tatsächlich sucht: “Du wirst heute sterben – aber du hast noch nicht gelebt.” – Da spielt natürlich die Frustration mit rein, dass Staché sie einst für Amerika hat sitzen lassen. Der Onkel hingegen glaubt, sein Neffe habe noch viel mehr erlebt, als die meisten, und dass er sich glücklich schätzen könne für sein erfülltes Leben. Satché bittet ihn darum, ihn nach seinem Tod zu reinigen und so das Tor zum guten Jenseits zu öffnen.

Die Szene, in welcher die Reinigung “generalgeprobt” wird, Staché also noch als Lebendiger die Totenreinigung erlebt, ist exemplarisch für den Film: Mit Aufnahmen, die so detailreich sind, dass die Zuschauer_innen Angst haben müssen, dass in jedem Moment die Linse der Kamera mit dem abgelichteten Objekt zusammentreffen muss, zeigt Christelle Fourniers (Kamera) ungewöhnliche, förmlich ertastbare Bilder von Menschen, deren Haut, Augen, Hände. Die Bilder zeigen, was diese Menschen ausmachen. Vor allem aber zeigen sie Berührungen: echte Berührungen, Beinah-Berührungen und eingebildetete, gewünschte Berührungen zwischen Menschen und ihre Spannungen. Berührungen sind das zentrale Thema dieses bildgewaltigen Filmes: Sie schaffen eine Verbindung zur Wirklichkeit, die die Menschen umgibt, sei diese Realität auch nur erträumt oder eingebildet, erhofft oder verflucht; sie verknüpfen uns mit Erinnerungen an Einstiges und Wünschen des Zukünftigen. Manche haben Angst vor diesen Berührungen, weisen sie zurück; anderen reicht die Erahnung einer Berührung (wie beispielsweise ein alter Mann, der sein bis zur Unverständlichkeit rauschendes Radio nicht reparieren will, denn das nicht interpretierbare Störgeräusch der Nachrichten reicht ihm aus: “Nichts Neues, aber wir sind noch in Kontakt”); Satché sehnt sich nach nichts anderem als nach der Nähe zu Anderen. Der Film spricht das Publikum damit an, dass er den Zuschauer_innen die Auswirkungen nachweist, wenn diese Berührungen, der Kontakt und Austausch mit der Welt verloren gehen, die Einsamkeit uns einholt – dann sind wir bei lebendigem Leibe längst tot.

Friedrichstadt-Palast vor "Extremely Loud And Incredibly Close"
Friedrichstadt-Palast vor "Extremely Loud And Incredibly Close"
Größeren Andrang musste der Friedrichstadt-Palast beim darauf folgenden US-Oscaranwärter “Extremely Loud And Incredibly Close”, verkraften – freie Plätze blieben im Friedrichstadt-Palast mit seinen beinahe 1.900 Sitzen nicht wirklich übrig (höchstens dort, von wo aus beinahe nichts mehr von der überdimensionierten Leinwand zu sehen wäre). Der Film nach dem gleichnamigen Roman von Jonathan Safran Foer hat beim Publikum viele Erwartungen geweckt, manche schützen sich lieber schon vorab vor einer Enttäuschung und bleiben dem Film einfach fern. Das Buch kam bei den Leser_innen eben gut an – und oft enttäuscht dann die kinematographische Verarbeitung des Werks – Film und Literatur sind eben nicht vergleichbare, nicht gegeneinander ausspielbare mediale Äußerungsformen, die niemand gegeneinander ausspielen sollte. Doch soviel vorneweg: Bei diesem Film, der trotz einiger kleinerer Schwächen und Längen überzeugt, dürften die Zuschauer_innen nicht ihrer zum Sehen des Filmes aufgewendeten Zeit hinterherweinen. Zumindest konnten anscheinend viele der Menschen im Saal eine sehr emotionale Bindung zum Gesehenen aufbauen, der Taschentuchverbrauch sowie die gesteigerte Nasenschleimhaut- und Tränendrüsenaktivität (ich konnte mich noch zusammenreißen, doch meine beiden Sitznachbarinnen schnieften vor allem zum dramatischen Ende hin äußerst auffällig) dürfte nicht nur den niedrigen Temperaturen vor der Tür oder der Wärme hinter der Kinosaaltür zuzuschreiben sein. Bei diesem Film dürfte es niemandem übel genommen zu werden, vor Rührung zu weinen, im Gegenteil.

Oskar (Thomas Horn), ein hochbegabter Neunjähriger voller Ideen, Forschungsdrang und niedlicher Hochnäsigkeit, lebt als Einzelkind in Manhatten bei seinem Vater (Tom Hanks), einem gut verdienenden Juwelier, und seiner Mutter (Sandra Bullock), die Oskar zwar sehr liebt, aber mit der ihn nicht so viel verbindet wie mit seinem Vater und dessen herausfordernden Einfällen und abenteurlichen Aufträgen: Regelmäßig trägt ihm sein Vater (der selbst einst eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollte, aber dann zugunsten eines besseren Verdienstes seiner Familie zu Liebe darauf verzichtete) anspruchsvolle und spannende, aber vor allem kuriose Forschungsvorhaben auf (z.B. zur Suche nach dem mysteriösen New Yorker “Sechsten Bezirk”, der einst untergegangen sein soll), die der Sohn mit Leib und Seele ausführt. Richtig hinzusehen, zu beobachten und niemals bei einer Suche nach einem Grund oder nach einer Erklärung aufzugeben – sei diese Suche noch so aussichtslos – gibt ihm sein Vater immer wieder als wichigen Rat. Als Oskar am 11. September 2001 im Fernsehen mit ansehen muss, wie einer der Zwillingstürme, aus welchem ihn sein Vater eben noch versucht hatte anzurufen, einstürzt und sich in eine Staubwolke auflöst, bricht für ihn die Welt zusammen: Er leidet unter Ängsten, fürchtet sich vor allem, erleidet selbstverletzende Zwänge und verliert den Bezug zu seiner ebenfalls tief trauernden Mutter.

Das einzige, was den Sohn noch mit seinem Vater verbindet, ist ein Schlüssel, welchen der Sohn im Wandschrank des Vaters findet: Addressiert an eine oder einen gewissen “Black”, wartet er noch auf die Zustellung an seine_n Besitzer_in. Oskar stürzt sich voller Hoffnung, unter den hunderten von New Yorker Blacks den oder die richtige zu finden, in eine Odyssee voller wunderbarer Begegnungen und Gespräche durch New York – und hofft so, die Verbindung zu seinem Vater aufrecht erhalten zu können. Bei seiner Suche hilft ihm der stumme Untermieter seiner Großmutter, den er später – als sich die gemeinsame Mission, das passende Schloss ausfindig zu machen, als scheinbar unerfüllbar darstellt – als seinen Großvater (Max von Sydow, nominiert für einen Oskar als Bester Nebendarsteller) erkennt – zu groß sind die Ähnlichkeiten zum ermordeten Vater.

“Extremely Loud And Incredibly Close” ist hervorragend gedreht, bietet ungewöhnlich unverbrauchte Bilder der am häufigsten gefilmten Großstadt der USA und langweilt höchstens zum Ende ein wenig. Die Darsteller_innen beweisen, dass sie zurecht Weltberühmtheiten sind und legen respektable Leistungen hin. Vor allem Jungschauspieler Thomas Horn spielt erschreckend authentisch. Der Film widmet sich ausführlich dem Thema des Sprachlichen und Unsprachlichen, wie Sprache in ihren verschiedensten Erscheinungsformen erst Gesellschaft ermöglicht, welche unglaubliche Vielfalt und Unübersetzbarkeiten sie in sich hat, und wie sie sich bei Störungen verhält: Oskar, sein Vater und Großvater sind Meister des Rhetorischen, “Kämpfe” mit Oxymora und die Fehlersuche in der “New York Times”, der sprachlichen Nahezu-Perfektion – stehen dafür beispielhaft. Obwohl der Großvater verbal kein Wort rausbringt, fühlt sich sein Enkel bei ihm und den teils schriftlichen teils mündlichen Gesprächen besonders geborgen. Gleichzeitig kann er aber keine angemessene Kommunikation mit seiner Mutter aufbauen, im Gegenteil: Sprache entfernt sie zwischenzeitlich scheinbar unüberwindbar voneinander. Mutter und Sohn verbindet doch schließlich das Unsprachliche, die mütterliche bedingungslose Zuneigung, die wortlos artikuliert wird und unmissverständlich ist. Gleichzeitig verknüpft der Regisseur Stephen Daldry (“Billy Elliot – I will Dance”, “Der Vorleser”) den Diskurs ums Sprachliche sinnvoll mit dem Hauptthema: dem wortlosen Entsetzen gegenüber dem unbegreiflichen Grauen – und der Hoffnung, das Unbegreifliche zu erklären.

Über zehn Jahre nach dem schrecklichen Terrorakt in New York stellt dieser Film keine Frage nach den Schuldigen – statt dessen steht die Wortlosigkeit des Unerklärlichen und der Umgang mit dem Schrecklichsten Tag im Leben Zehntausender Menschen im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung. Wer auch immer für diesen real gewordenen Alptraum Verantwortung trägt oder die Urheber unterstützt oder ungehindert hat vorgehen lassen – nach diesem Tag ist für die deterministische Welt nichts mehr, wie es einmal schien. Die Wortlosigkeit, der Mangel an Erklärung des Neunjährigen – während er hört, dass die Leitung zu seinem Vater zusammenbricht und zeitgleich der Tower sich pulverisiert – und sein stummes Zusammenfallen auf den Boden ist die stärkste, schrecklichste Szene des Films, ein Bild für das Scheitern am Unglaublichen. Doch trotz aller Unerklärlichkeit versucht der Junge, eine Begründung für das Geschehene, eine Erklärung aus der völligen Hilflosigkeit heraus zu finden. Seine Mutter kann ihm nicht erklären, “warum Menschen Flugzeuge in Gebäude fliegen lassen”, und der Junge, der sonst alles begründen kann, muss eingestehen, dass seine Mittel und Methoden nicht ausreichen, um dieses letzte wichtigste Rätsel zu lösen. In der Form, wie der Film den Versuch, selbst bei größter Hoffnungslosigkeit und Unvorstellbarkeit die Suche und das Fragen nach Antworten nicht aufzugeben – beispielhaft am Spiel der Suche nach dem “Sechsten Bezirk” gezeigt -, lässt sich als direkter Aufruf an die Überlebenden dieser Menschheitskatastrophe lesen, die wirklichen Umstände für dieses Verbrechen zu klären, die einzelnen Puzzlestücke zusammenzulegen – also ernsthaft zu hinterfragen, warum beispielsweise ranghohe Armeemitglieder den Start von Militärflugzeugen nach dem Crash mit dem ersten Tower verhinderten, von wem die Entführer wussten wo die Radarüberwachung nicht funktioniert, warum erst Tage zuvor eine militärische Übung mit gleichem Ablauf durchgespielt wurde, wieso selbst das nicht getroffene moderne World Trade Center-Gebäude Nr. 7 zusammenstürzte. Eine unabhängige Untersuchung hat es nie gegeben.

Der Film mahnt, dass eine Erklärung für dieses Unbegreifliche noch offen ist. Auch wenn Oskar nicht die Antwort gefunden hat, nach welcher er gesucht hat, könnte diese doch noch einst ans Tageslicht kommen – und alles in Frage stellen, was wir glauben, gekannt zu haben.

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