Verirrte Revolutionäre: „Wer wenn nicht wir“ über Hoffnung und Scheitern

Wieder ist im Friedrichstadtpalast kaum ein Platz zu bekommen, als am Freitag um 12 Uhr das deutsche Drama „Wer wenn nicht wir“ von Andres Veiel vorgeführt wird. Wieder ist es die Geschichte von jungen Menschen, die die Gegenwartswidersprüche entdecken, aber trotz aller Bemühungen keine relevanten Mittel finden, um gegen sie anzukämpfen.

Bernward Vesper ist Sohn des einstigen im Nazireich verehrten Schriftstellers Will Vesper, der mit seinen Gedichten nicht gerade nur als „Mitläufer“ zu bezeichnen ist. Bernward, der selbst schriftstellerische Ambitionen hegt, leidet unter der Geschichte seines Vaters. Als sein Vater ihn am Sterbebett versprechen lässt, dass er eines seiner Bücher aus der Zeit des Dritten Reiches neu auflegt, gründet er einen Verlag, doch der Vertrieb läuft schleppend. Seine Kommilitonin Gudrun Ensslin, mit der er das Geschäft und auch eine offene „Leiden-schaftliche“ Liebesbeziehung führt, unterstützt ihn bei der Umsetzung seines Versprechens, doch inzwischen ist die Wiederholung der Geschichte nicht mehr zu übersehen: Die Blöcke decken sich mit tausenden von Atombomben ein, in Vietnam werden Millionen von Menschen ermordet und in der BRD richtet sich der Hass gegen den neuen Volksfeind, die „Kommunisten“, welche bereits zu Hitlerzeiten im KZ vernichtet wurden. Bernward und seine Partnerin Ensslin richten ihren Verlag auf kritische Antikriegstexte aus. Sie wollen es „besser machen“ als ihre Eltern, denn auch Gudrun kann ihrem Vater nicht verzeichen, dass er das faschistische System zwar durchschaut hatte, aber dennoch den Armeedienst angetreten hat.

Mit der Ermordung von Benno Ohnesorg durch eine Polizisten läuft das Fass über. Jetzt lautet die Devise: „Reden ohne Handeln geht nicht“ – Kaufhäuser fliegen in die Luft und Gudrun wird verhaftet. Bernhard bleibt auf dem gemeinsamen Kind sitzen, welches Gudrun seit ihrem neuen vermeintlichen „Auftrag“, durch Anschläge einen Bewusstseinswandel einsetzen zu lassen, höchstens noch in schwachen Minuten interessiert. Bernhard liebt sein Kind, ist aber gleichzeitig mit seinem Streben nach einem Buch, welches die Widersprüchlichkeit der Gesellschaft darstellen kann, hoffnungslos überfordert. Drogen, Armut und ein schließlicher seelischer Absturz machen ihnen zu einem kaputten Mann, der nur wiederholen kann, dass er noch nicht alles gesagt hat, was zu sagen ist: „Ich bin noch nicht fertig“. Gudrun fristet ihr Dasein weiterhin im Gefängnis und kann sich erst von der gutmütigen Anstaltsleiterin, die nach dem Prinzip „Vier Schritte vor, drei Schritte zurück“ lebt, überzeugen lassen, dass die Bombenanschläge kein geeignetes Mittel sind, um die Dialektik von allem zu überwinden. Außer dem Ratschlag, kleine Veränderungen im Rahmen des Legitimen anzustreben, kann sie keinen Rat geben. Gudrun möchte sich hingegen nicht eines Tages vorwerfen lassen, sie habe etwas erkannt, aber nicht unternommen, so wie sie es ihren Vater verurteilte. Bernward und Gudrun sterben nach einem Selbstmord, der ihre einzige Chance ist, unschuldig zu bleiben.

August Diehl, der bereits kürzlich im Sciencefiction-Drama „Die kommenden Tage“ einen dekadenten Revolutionär einer nahen Zukunft spielte, macht zusammen mit Lena Lauzernis das Zerwürfnis einer Generation deutlich, die an der faschistischen Geschichte ihrer Eltern und Großeltern kaputt geht. In ihrer Verzweiflung angesichts der Verbrechen ihrer Zeit greifen sie ab 1968 zu Mitteln, die als „Terror“ bezeichnet werden. Wenn die Taten damals und heute zu Recht aufgrund ihrer destruktiven Gewalt auch gegen Unschuldige als Verbrechen verurteilt werden, wird oft ignoriert, dass es letztlich nur Symptome einer Gesellschaft ist, die die „Welt nach Auschwitz“ (Adorno) nicht ertragen kann. Auf ihrer Suche nach geeigneten Mitteln, die Leid, Hass und Armut schnellstmöglich beseitigen können, verirren sie sich in sinnlosen Taten, die niemandem nützen und die niemand versteht. Sie sind nicht geeignet, einen guten Einfluss auf das Bewusstsein für die Gegenwartsprobleme auszuüben. Die deutsche Gesellschaft, die sich an ihrem „Wirtschaftswunder“ ergötzt (welches nur durch Zuhilfenahme fremder Ressourcen und Arbeitskraft zustande kam), hat keinen Blick für die brennenden und verstümmelten Menschen beispielsweise im Vietnamkrieg, und die wenigen, die die Widersprüche erkennen, können nichts dagegen machen. Wenn sich kleine Gruppen junger kaputter Jugendlicher ausmalen, mit ein paar Sprengsätzen die USA „in die Knie zwingen“ zu können, zeigt das nichts anderes als eine unerträgliche Hilflosigkeit, die eine ganze Generation zum Aufgeben zwingt.

Immer wieder zeigen in „Wer wenn nicht wir“ authentische Dokumente, wie sich die USA freuen, wenn Vietnam in Flammen aufgeht, der Atombombentest glückt oder der Kommunismus als neuer Faschismus beschimpft wird. Das Publikum muss sich bei dieser Schichte zugleich fragen, wie schuldig es selbst ist. Denn die Widersprüche haben nicht abgenommen, im Gegenteil: Sie sind weiterhin allgegenwärtig, und durch die neuen Kommunikationstechnologien kann sich niemand herausreden, nichts gewusst zu haben. Können wir es besser machen, als unsere Eltern und Großeltern? Können wir handeln, ohne zu Verbrechern zu werden? Haben wir eine Berechtigung, so zu leben, wie wir es tun? Diese Frage wird sich am Ende des Films jede_r leicht selbst beantworten können. Und jede_r wird gleichzeitig feststellen, dass auch den Menschen, die heute Veränderungen bewirken wollen, unter der gleichen Machtlosigkeit und Lähmung leiden, wie es schon die 68er taten. Dass mehr Menschen auf die Straße gehen – nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern, wo die Voraussetzungen dafür noch schwieriger und die Sanktionen noch höher sind –, kann man als Zeichen deuten. Inwiefern es möglich sein wird, die vermeintlich „natürlichen“ Widersprüchlichkeiten der Besitzverteilung, die damit verbundene bevorstehende ökologische Weltkatastrophe und das Kollabieren des sozialen Lebens zu verhindern, hängt dabei von Einzelnen ab, die aktiv werden müssen, ohne zu warten. Wer, wenn nicht wir?

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