“The Dark Knight Rises”: Warnung vor dem Nihilismus

Viele Leute werden den letzten Teil der „Dark Knight“-Triologie wohl nicht ansehen, weil sie wenig übrig haben für die mit Superkräften beladenen Weltretter aus den US-amerikanischen Comics, die aus den Heften mit den vielen kleinen Rahmen und Sprechblasen ausgebrochen und auf die Leinwände dieser Welt geflüchtet sind. Genauso wie bei den ersten beiden Teilen werden sie sich denken: Im Fledermaus-Kostüm herumlaufende Milliardäre interessieren mich in ihrer Absurdität genauso wenig wie zur Menschenspinne mutierte Physikstudenten („Spider Man“) oder im Stahlanzug herumwütende Rüstungsprofiteure („Iron Man“). Die – zugegebener Weise nicht ganz unverständliche – Skepsis den „Superhelden“ Hollywoods gegenüber wird diese Leute aber auch davon abhalten, die Comicverfilmungen genauso wie alle anderen zeitgenössischen Filmwerke als das zu begreifen, was sie letztlich sind: moderne Gesellschaftsdramen, die uns warnen können.

Bruce Wayne, der in den vorangegangen Teilen gegen den verkörperten Wahnsinn unserer Gegenwart gekämpft und so die fiktive Metropole Gotham – wie Manhatten mit seinen sozialen Widersprüchen das Sinnbild des westlichen Lebens und der Dialektik der zivilisatorischen Moderne – mit Hilfe ausgetüftelter Hochtechnologie vor dem Untergang gerettet hat, bekommt es abschließend mit dem Terroristen Bane zu tun, der nach einem von Armut und Qual geprägten unverschuldeten Leben im Kerker nur noch einen Wunsch hat: die Vernichtung der Welt, die seine Verderbnis verursacht und geduldet hat. Indem er der Jugend der in Kriminalität untergehenden Stadt „Arbeit“ gibt, die Helfer des Systems an der Börse lächerlich macht und der Bevölkerung die Hoffnung auf ein neues vermeintlich selbstbestimmtes Leben gibt, kommt er seinen eigentlichen Zielen immer näher: Der Rächer Bane will keine Revolution, wie es Polizeichef Gordon zeitig erkennt, er will auch keine Umverteilung der Schätze der Welt und auch keine Gerechtigkeit. Er will den Nihilismus, indem er die verhasste Stadt anhand des spaltbaren Materials eines Fusionskraftwerkes dem Erdboden gleichmacht. So wird er nach gebrochenen Versprechungen von Volkssouveränität und Wohlstand, wie einst die Parteieliten der DDR, selbst zum Symbol des Kapitalismus, der erst sein Verderben verschuldet hatte, und vernichtet alle Grundlagen, die zu einer wirklichen Gesundung der verdorbenen Gesellschaft und zu einem gerechteren Dasein für die Unterdrückten von heute führen könnten.

„The Dark Knight Rises“ unterhält gut, wie es sich für einen Hollywood-Streifen gehört. Aber vor allem warnt er uns, die Gegenwart davor, was die Zukunft mit sich bringen könnte: Wird es nicht endlich einen ehrlichen und spürbaren Ausgleich zwischen den pervers auseinandergespaltenen Besitzverhältnissen geben, könnte sich die Welt in einer Blutlache des schrecklichsten Klassenkampfes wiederfinden, die den aufgestauten Hass von 1917 weit in den Schatten stellen könnte. Auch keine meterhohen Stacheldrahtzäune, keine privaten Personenschutzfirmen und keine Raketenabwehrsysteme auf den Dächern und Jachten der erbärmlichen Mächtigen, die sich an der globalen Armut, Hoffnungslosigkeit und Umweltvernichtung satt verdient haben, werden diejenigen aufhalten können, die ihren Anteil einfordern, statt nur an „Mythen von Möglichkeiten“ zu glauben. Wenn sich die Widersprüche unserer Zeit noch weiter verschärfen sollten, bahnt das den gleichen Tyrannen den Weg, die schon 1930 wussten, wie sich Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit zur Verwirklichung faschistischer Dystopien ausschlachten lassen. Die gleichen Gefahren drohen nicht nur, wenn die „verschuldeten“ Länder im Süden Europas bis zur tödlichen Blässe immer weiter ausbluten müssen, sondern mit jeder weiteren Krise, die die Profiteure des heutigen Geld- und Ausbeutungssystems heraufbeschwören. Somit ist „The Dark Knight Rises“ nicht nur ein gewinnträchtiger Actionmovie, sondern eine Warnung, die wir ernst nehmen sollten.

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One Response to “The Dark Knight Rises”: Warnung vor dem Nihilismus

  1. Pauline sagt:

    Hach, ich liebe es, wie du in fast jedem Film ein gesellschaft-kritisches Stück entdeckst.
    Ich bin schon jetzt gespannt, wie dein Blog zu TED ausfallen wird.

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