Bilder unserer verlorenen Generation: Perspektivlosigkeit auf der Berlinale

Kaum ein Thema ist auf der diesjährigen Berlinale so omnipräsent wie die schwierige Lebenslage von Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen auf der ganzen Welt – in allen Sektionen des Filmfestivals: Nicht nur jenseits der groß beworbenen und das Publikum besonders anziehenden Wettbewerbs sind die Probleme der jungen Generation ein Dauerbrenner, sondern sie durchziehen das ganze Festival in den verschiedensten Facetten.
So unterschiedlich die Lebenssituationen von jungen Menschen auf der Welt sind, so verschieden sind die Darstellungen und Diskussionen auf den 62. Internationalen Filmfestspielen in Berlin. Die Konflikte reichen von schweren Schicksalsschlägen, die das Leben gar nicht erst richtig beginnen lassen, über Zukunftsängste und den Wunsch nach Selbstverwirklichung bis hin zu völliger Verwahrlosung und absoluter Armut, die menschenunwürdig ist.

Ein interessantes Beispiel, was vielleicht von der nun erwarteten Vorstellung abweicht, ist “Dictado” (Childisch Games) von Antonio Chavarrías. Daniel (Juan Diego Botto) und Laura, beide Lehrer_innen, führen eine glückliche Beziehung, die nur vom bisher unerfüllten Kinderwunsch betrübt wird. Als Mario, der für Daniel im Kindesalter so viel wie ein leiblicher Bruder war, sich aus Verzweiflung die Pulsadern aufschneidet, ergreifen die beiden die Chance und nehmen Marios nun verwaiste kleine Tochter Julia auf. Die kinderlose Laura (Bárbara Lennie) liebt das Kind auf Anhieb und kümmert sich hingebungsvoll um das Mädchen, während Daniel es zunehmend mit der Angst zu tun bekommt: Sie erinnert ihn zunehmend an seine kleine Schwester und damit an eine schwerwiegende, ein unbeschwertes Leben unmöglich machende Schuld: Zusammen mit Mario ist er für den Tod ihrer kleinen Schwester Clara verantwortlich, die vor Jahrzehnten bei einem dummen ‘Kinderspiel’ tragisch ums Leben kam. Mario verliert beinah den Verstand, als sich die kleine Julia mehr und mehr in Clara verwandelt und selbst das rote Halsband besitzt, welches einst der verunglückten Schwester gehört hatte, oder die gleichen Kinderlieder singt. Mario muss das Kind loswerden, um normal weiterleben zu können und seine Ehe nicht zu gefährden. Was er nicht weiß: Claras Mutter, die über den Tod ihrer Tochter nie hinweg kam, hat mit Julia das perfide Kinderspiel eingeübt, sie solle so tun, als sei sie selbst das seit langer Zeit tote Mädchen. Mario, der inzwischen glaubt, der Geist seiner Schwester hätte einen neuen Körper an sich genommen, um nun den Bruder für seine Sünde zu quälen, will die kleine Julia töten – Laura kann das nur im letzten Moment verhindern und stürzt Mario, der fast zum Mörder geworden wäre, in den Abgrund einer Schlucht. Dictado, der vielleicht nicht das beste Vorzeigebeispiel des schauerlichen Suspense-Genres darstellt, ist von daher interessant, dass es nicht nur das altbekannte Motiv der völlig unglücklichen Mutter, die den Tod des eigenen Kindes verkaften muss, aufgreift, sondern zeigt, wie manipulierbar kleine Kinder am Anfang ihres Lebens sind, dass man sie zu allem nötigen kann – egal ob aus eiskalter Kalkulation oder, wie hier, purer Verzweiflung und Geistesgestörtheit.

Der Mensch ist das Säugetier mit der längsten Zeit der Erziehung durch die Eltern: Nach der Geburt völlig überlebensfähig und lediglich mit den grundlegendsten Überlebensinstinkten ausgestattet, ist der Mensch anschließend noch gute zwei Jahrzehnte auf die Aneignung von Wissen angewiesen, welches erst durch die Eltern oder Ersatzeltern, dann durch Institutionen und schließlich die gesamte Gesellschaft, zunehmend über Massenmedien, vermittelt wird. Diese evolutionäre Ausnahme macht es erst möglich, dass der Mensch zum intelligentes Tier des Planeten überhaupt werden konnte. Gleichzeitig ist somit die Verantwortung, die auf Eltern, Pflegeeltern, Verwandten und Freund_innen, Kindergärtner_innen und Lehrer_innen, Trainer_innen und Jugendbehörden usw. lastet, besonders stark, die Kinder sind von der gewissenhaften und hingebungsvollen Ausfüllung derer Aufgabe völlig abhängig. Diese Kernaussage wird nicht nur in “Childish Games” ausgefüllt, sondern taucht immer wieder im zeitgenössischen Film auf.

Besonders stark ist dieses Motiv im deutschen Überraschungserfolg “Die Vermissten” (Jan Speckenbach) verarbeitet. Als in Deutschland immer wieder spurlos Kinder verschwinden und die, die noch da sind, immer überheblicher und zunehmend kriminell werden, bekommt es die Elterngeneration mit der Angst zu tun. Auch Lothar (großartig gespielt von André Hennicke), der als Prüfer von Atomkraftwerken arbeitet, also kleinste Fehler in hochkomplexen System sucht, vermisst seine verschollene Tochter, von der er noch vor einigen Tagen eigentlich nichts hören wollte, statt dessen lieber ein neues Leben beginnen würde. Auf der Suche nach der 14jährigen Martha versteht er allmählich, was sich hier zusammenbraut: Die Kinder haben sich zum Bund der “Fliegenden Ratte” zusammengeschlossen und streben nach einer Gesellschaft frei von Erwachsenen. Was erst nach einem verspielten Kinderwusch klingt, wird zunehmend Realität: Die Kinder verstecken sich im Wald oder in Kellern und sind nicht mehr auffindbar. Die Erwachsenen reagieren panisch: Spielplätze werden von der Polizei überwacht, einzeln herumlaufende Kinder müssen den Behörden gemeldet werden, für wieder “eingefangene” Kinder, bei denen weiterhin Eltern-”Fluchtgefahr” besteht, werden interniert. Bürgerwehren von schwerbewaffneten und gewaltbereiten Pensionierten geben sich als legitimierte Exekutive aus und schrecken vor nichts zurück – auch nicht, die Ausgerissenen zu erschlagen, wenn sie Widerstand leisten. Der Film schließt mit einem kontroversen Bild ab: Wie hunderte der Kinder in Spielsachen und Nützlichem wühlen, sortieren und dann in einer großen Gruppe lässt sie einerseits vielleicht selbstständig oder erwachsen wirken, doch schon beim zweiten Blick wird einem klar, dass diese Kinder (viele von ihnen sind noch im Vorschulalter) mit sich selbst und ihrer neuen Weise, zu leben, überfordert sind und, auch wenn sie in diesem Moment von der neuen vermeintlichen “Freiheit” überwältigt sind, einem Leben ohne Aussicht gegenüberstehen.

Um den tiefen Graben im Verhältnis zwischen Jugendlichen und der heutigen Elterngeneration erfahrbar zu machen, reicht schon ein gemeinsamer Blick ins “SchülerVZ”. Eltern würden vielleicht behaupten, die Jugend werde immer frecher und fauler – während sich die Erwachsenen selbst kaum mit der modernen Welt auskennen und regelmäßig ihr allumfassendes Unvermögen unter Beweis stellen. Tatsächlich ist die heutige Jugend die schlaueste in der Geschichte, noch nie haben in Deuschland so viele Menschen wie heute Abitur gemacht, ein Studium abgeschlossen und promoviert. Kinder bekommen heute schneller ein Gefühl dafür, von welchen Bedingungen sie umgeben sind, in welcher Gesellschaft sie eigentlich aufwachsen. Dass sie sich jederzeit aus öffentlich zugänglichen Quellen informieren, ständig über modernste mediale Plattformen in Echtzeit miteinander kommunizieren und sich so in komplexen Verbänden organisieren können, ist die technologische Grundlage, dass unsere heutige Welt von kleinen Expert_innen durchzogen ist, die manches Problem manchmal treffender und griffiger bezeichnen können, als die hochgebildeten Großgewachsenen. Die heutige Jugend ist nicht von Gestern, im Gegenteil – Sie hat ein sensibles Gespür dafür, dass mit Atomkraftwerken, der demografischen Entwicklung und Wirtschaftskrise etwas gehörig schief läuft. Auch wenn Kinder und Jugendliche in den meisten Fällen keine geeigneten Maßnahmen ergreifen können, um diesem nicht greifbaren, nicht konkretisierbaren Zweifel produktiv zu begegnen zu können, wissen sie doch, dass ein Umdenken, irgendein Handeln nötig ist (auch wenn das die Lage, wie im Film gezeigt, sogar noch verschlimmern kann). “Die Vermissten” wirft nicht die Frage auf, ob Kinder ohne fremde Hilfe von Erwachsenen überlebensfähig sind – das sind sie nämlich nicht -, sondern, was diese Menschen dazu bewegt, alle Sicherheit, bürgerlichen Wohlstand und die entliebte Familie zu verlassen. Haben sie verstanden, dass sie einiges in der Hand halten, oder ist ihnen die relativ gesehen dümmer gewordenen Elterngeneration einfach zu viel geworden? Gibt es für sie Möglichkeiten, wie sie sich helfen können, oder sind sie in den Verhältnissen alternativlos eingesperrt? Und: Kann man in einer übertechnologisierten, überfordernden hochkomplizierten Gesellschaft überhaupt noch leisten, Kind zu sein?

Die beiden Jugendlichen Mo und Rashid im Film “My Brother The Devil” können sich das nicht leisten. Sie leben in London im trostlosen Hackney. Der 14jährige Mo bewundert seinen fünf Jahre älteren Bruder: Durch organisierten Drogenhandel kommt er schnell an Geld, mit welchem er die arme Familie unterstützen kann. Gleichzeitig kann er sich auf seine Gang verlassen und bekommt von ihr den überlebenswichtigen Respekt. Dass das aber nur solange zutrifft, wie das Geld reinkommt, merkt Rashid, als er nach dem Tod eines guten Kumpels aussteigen und einer ehrlichen Arbeit bei einem Fotografen nachgehen will. Auch sein jüngerer Bruder Mo soll einen Lebensweg fern von Drogen und Straßen einschlagen, doch der eifert seinem Idol, dem ‘teuflischen’ Bruder, nach und wird selbst zum Dealer. Als sich auch noch herumspricht, dass Rashid nicht nur gegengeschlechtliche Verhältnisse pflegt, schlägt dem Jugendlichen nur noch Hass entgegen: Seine Gang, in der er sich einst wie in einer Familie aufgehoben gefühlt hatte, will ihn umbringen – und töten mit einem falsch abgefeuerten Schuss fast den orientierungslosen Bruder Mo, der knapp überlebt. “My Brother The Devil” ist an vielen Stellen ein typischer Film über das Leben im “Gangstermilieu”, beleuchtet aber ungewohnt detailreich, aus welchen Gründen und mit welchen schwerwiegenden Folgen Kinder und Jugendliche in diesen Strudel geraten. Mo plant seinen Ausstieg vom Anfang des Filmes an, doch die Desillusion beim Arbeitgeber, der Berufserfahrung und Abschlüsse sehen will, lässt nicht lange auf sich warten: Ein ordentlicher Schulabschluss oder gar ein Studium sind bei der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie nicht drin. Kein Wunder, dass Regisseurin Sally El Hosaini den Film nach Großbritannien gelegt hat: Seit Erhöhung der ohnehin schon unbezahlbaren Studiengebühren sind hier die finanziell schlechter aufgestellten Familien vom Bildungssystem völlig abgeschnitten. Ähnliches droht anderen europäischen entwickelten Ländern wie Griechenland, Spanien und Italien, wenn sich die Knebel-Entschuldungsprogramme in Wahrheit umsetzen und ihr hässliches aber klar absehbares Gesicht zeigen werden, die ersten Anzeichen sind schon deutlich zu erkennen. Wer Lehrer_innen und Erzieher_innen entlässt oder hungrig spart, spart nicht an der “Zukunft der Jugend”, sondern an der Zukunft des Menschlichen, des Kulturellen insgesamt.

Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang noch der liebevoll inszenierte indonesische Film “Kebun binatang” (Postcards From The Zoo), der vom Publikum mit begeistertem Applaus entgegengenommen wurde. Die kleine Lana wird von ihrem Vater allein im Zoo zurückgelassen, welcher nun ihr neues Zuhause ist. Die Tierpfleger_innen ziehen sie groß und Lana (Ladya Cheryl) entwickelt selbst eine große Liebe zu dem Zoo und den dort lebenden faszinierenden Tieren. Doch nicht nur Tiere leben in dem Tiergarten, sondern auch drei Gruppen von Menschen: Menschen, die dort arbeiten, die sich dort Zuhause fühlen und welche, die für sich keinen anderen Platz auf der Welt sehen. Für Lana treffen alle drei Kategorien zu. Sie füllt ihre Arbeit mit Hingabe aus, pflegt die hilfebedürftigen Tiere als wären es ihre eigenen Kinder, unterhält sich mit der appetitlosen Tigerdamen als wäre sie eine ausgebildete Psychotherapeutin und erzählt von ihrem Lieblingstier – der Giraffe, die so groß und stolz ist, dass sie sich schon ihr Leben lang nur wünschen kann, einmal ihren Bauch zu berühren – voller Respekt und Liebe: “Die Giraffe ist das schönste Tier von allen. Sie hat lange Beine und ein langen Hals, was auch in vielen Kulturen als Schönheitsideal gilt. Aber die Giraffe ist nicht fragil, im Gegenteil: Sie kann einen Löwen mit einem Tritt töten”, erzählt Lana von dem Säugetier. Doch die Beziehung zu den Tieren kann ihr nicht reichen: Als sie den abenteurlichen “Cowboy” (Nicholas Saputra) trifft, der nicht nur von einem freiheitlichen Leben im “Wilden Westen” träumt und viel Geld für einen täglichen einstündigen Ritt auf einem Pferd im Zoo bezahlt, sondern auch ein begabter Illusionskünstler ist, lässt sich Lana darauf ein, die Assistentin des aufstrebenden Magiers zu werden. Doch die hoffnungsvoll erwartete Karriere als Duo erfüllt sich nicht, und den Job als Unterhaltungsaffen im “Planet Spa”, welcher in Wirklichkeit ein Bordell ist, möchte er nicht annehmen und verschwindet spurlos. Lana, die wohl eingegangene Verpflichtungen mit dem “Spa”-Besitzer einlösen muss, wird als Masseuse beschäftigt. Die Männer, die zu ihr kommen, brauchen vielleicht nicht die ungewöhnlichsten sexuellen Experimente, sondern ihnen reichen die warmen Berührungen der Tierpflegerin, die mit ihren neuen Kunden genauso zärtlich umgeht wie mit ihren Lieblingen im Zoo. Nach diesen sehnt sie sich und kehrt schließlich in den Tiergarten zurück – wo sie nun, erwachsen, erstmalig ihre Giraffe am Bauch berühren kann. Dieser wundervoller, herzerwärmende Film lebt von einer starken Hauptdarstellerin, der man ihre Liebe zu allem Lebendigen voll abnimmt. Sie zeigt deutlich, dass für eine glückliche Kindheit nicht unbedingt nur Geld und Konsumgüter wichtig sind, sondern vor allem verlässliche Bezugspersonen, die ihre Liebe weitergeben. Auch wenn ihr Leben im Zoo überschaubar ist, dort jeden Tag die gleiche nervige Unterhaltungsmelodie aus den Lautsprechern dröhnt und die Tretboote in Schwanenform schon durchgerostet sind, kann sie dort, soweit möglich, glücklich sein – und vielleicht viel glücklicher, als jemand, der sich nach etwas sehnt, was heute noch nicht erfüllbar ist.

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