20 Jahre ViP: Ein Fest für progressive Mobilität in Ballungsräumen

Als am vergangenen Montag nach einem schweren Verkehrsunfall auf dem südlichen Berliner Ring die Verkehrs-Hauptschlagader weiträumig gesperrt werden musste, waren auch Potsdams Straßen innerhalb kürzester Zeit praktisch unpassierbar: Auf dem sonst wenig ausgelasteten Horstweg oder Heinrich-Mann-Allee reihten sich Fahrzeuge samt entnervter Fahrer_innen bis in die Wohngebiete. Auch wenn zahlreiche Auto-Nutzer_innen auf ihre Fahrzeuge angewiesen sind, haben sich die meisten am Steuer sicherlich gewünscht, an diesem Tag den Zündschlüssel zuhause gelassen zu haben: Während sie im Stau steckten, rauschten die Straßenbahnen des Verkehrsbetriebs Potsdam an ihnen einfach vorbei.

Seit 20 Jahren wird der öffentliche Personennahverkehr in Potsdam von der ViP betrieben. Busse, Fähren und Straßenbahnen sorgen dabei für eine enorme Entlastung in vielerlei Hinsicht: Ihre regelmäßige Nutzung ist nicht nur erheblich günstiger als die eines eigenen PKWs, sondern auf den Personenkilometer auch erheblich günstiger für die Umwelt; die Straßenbahnen werden sogar aus regenerativen Quellen gespeist und fahren so klimaneutral. Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird auch eingestehen, dass die Nutzung eines öffentlichen Verkehrsmittel letztlich komfortabler ist: Hier lässt man sich fahren und kann die Zeit effektiv nutzen, statt sich hinter dem Steuer selbst die Zeit zu klauen und noch dazu dem Risiko auszusetzen, in einem Unfall verwickelt zu werden oder selbst einen folgenschweren Fehler zu machen. Vor allem schaffen es „die Öffentlichen“ aber, die ohnehin vor dem Platzen stehenden Verkehrswege in Potsdam zu entlasten: Sie verbrauchen kaum knappen Verkehrsraum und transportieren zum Teil hunderte Menschen in einem Fahrzeug zugleich. Durch die ständige Kommunikation von Bussen und Straßenbahnen mit den Lichtsignalanlagen verschwenden die Fahrzeuge dank kluger Planung kaum Zeit zum Stehen oder Schleichen – halten müssen sie in der Regel nur, wenn Fahrgäste ein- und aussteigen möchten. Oder wenn mal wieder ein gedankenloser Autofahrer in letzter Sekunde vor der Bahn die Gleise passieren wollte oder die Schienen zugeparkt hat. Autos wiederum müssen oft nur stehen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind, und ziehen nutzlose Runden, weil sie keinen Parkplatz finden.

Auch wenn der Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel Millionen ausmacht, bringt er enorme wirtschaftliche und ökologische Vorteile, die größer sind als die durch sie entstehenden Kosten. Dass sie in Potsdam von einem städtischen Unternehmen ohne Profit-Interessen betrieben werden, macht ihre Nutzung so erschwinglich. Ein Blick in andere Länder zeigt, dass das keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist.

Das Jubiläum ist auch eine Gelegenheit, auf die Probleme zu schauen: Gerade im Regionalverkehr fehlt es an guten Verbindungen bis in die weniger besiedelten Regionen. Hier müssten Takte verengt, zusätzliche Haltestellen bedient statt abgeschafft und zumindest an den Stadtgrenzen mehr „Park-and-Ride“-Parkplätze geschaffen werden, die ein Umsteigen in öffentliche Verkehrsmittel attraktiv machen. In der Stadt selbst schlummern dabei unnötige Gefahrenquellen: Die vielen neuangelegte „überfahrbaren Kaphaltestellen“ am Rathaus, in der Berliner Straße oder Charlottenstraße sind für Fahrgäste ein potentielles Risiko, wenn sie zwischen Fahrzeug und Gehweg wechseln müssen, während zeitgleich rücksichtslose gemeingefährliche Autofahrer_innen in die Haltestellen einfahren, oft mit mörderischem Tempo. Den Bus- und Straßenbahnfahrer_innen bleibt nicht viel mehr übrig als mit Warnblinkanlage und Außensprechanlage auf sich aufmerksam zu machen – doch vielen PKW-nutzenden Menschen sind ihre (wenn überhaupt) wenigen gewonnen Sekunden so wertvoll, dass sie dafür das Leben anderer riskieren. Der tödliche Unfall in der Zeppelinstraße zeigt: Wenn überfahrbare Haltestellen eingerichtet werden, müssen sie während der Nutzung durch Bus oder Straßenbahn für den übrigen Verkehr gesperrt werden („dynamische Haltestelle“) und Missachtungen der Pflicht zum Halt während eines Fahrgastwechsels streng geahndet werden. Zugleich sollten sich Fußgänger_innen und vor allem Fahrradfahrende ihrer Verwundbarkeit bewusst sein: Gerade weil sie besonders verletztlich gegenüber motorisierten Fahrzeugen sind, müssen sie sich – allein schon zu ihrer eigenen Sicherheit – besonders an die Verkehrsregeln gebunden fühlen. Jede Gefahrenbremsung, die zum Schutz von abgelenkten, unvorsichtigen oder schlicht ignoranten anderen Verkehrsteilnehmer_innen durchgeführt werden muss, gefährdet zudem immer die Fahrgäste, die sich durch die starke Bremswirkung im schlimmsten Fall schwere Verletzungen zuziehen können.

Laut Bundesamt für Statistik bleibt die Nutzung der Straßenbahn im Verhältnis zu der von ihr beförderten Fahrgäste das mit Abstand sicherste Verkehrsmittel überhaupt. Auf eine Fahrt mit dem PKW kommt das Risiko eines Unfalls nach tausend Straßenbahn-Fahrten. Das schafft nicht einmal das Flugzeug. Das sollten wir feiern.

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