Tote vor Lampedusa sind eine Schande für Europa

Während eine kleine Gruppe Auserwählter abgeschottet von den Armutssiedlungen der Welt lebt, muss der Großteil der Menschen ums nackte Überleben kämpfen: Sie wühlen sich ohne den geringsten Schutz durch Berge von giftigem Müll auf der Suche nach ein wenig Altmetall, das sich verkaufen lässt; gehören sie zu den „Glücklichen“, überhaupt noch einen Job zu haben, lassen sie so manche Erniedrigung, Gefahr und die unwürdigste Bezahlung über sich ergehen, um eine Entlassung und die damit verbundene größte Not nicht zu riskieren. Dabei ermöglichen diese Menschen durch ihre harte Arbeit und ihr Leben in strengster Armut erst den Wohlstand, den die Gutgestellten jenseits der „Grenzen“ genießen. Wer dieses zynische Spiel nicht mehr ertragen kann und aus den Armenhäusern der Welt ausbrechen möchte, wird von „Grenzschützern“ abgefangen, eingesperrt, oft einfach erschossen. Die Privilegierten schauen weg und genießen ihren mörderisch erkauften Wohlstand, der so vielen Menschen mehr ein gutes Leben bereiten könnte, ohne dass die Reicheren wirklich auf etwas Nötiges verzichten müssten.

Dieses Bild einer „kranken Erde“, in der die gesellschaftlichen Verhältnisse dermaßen pervertiert sind, dass es kaum noch ausdrückbar ist, zeichnete in diesem Sommer das US-amerikanische SciFi-Gesellschaftsdrama „Elysium“. Der Tod von weit über 300 Menschen vor der italienischen Insel Lampedusa bestätigt erneut, dass das filmisch Dargestellte keineswegs eine Übertreibung ist, im Gegenteil: Was auf unserer Welt schief läuft, lässt sich kaum noch erfassen, auch die Kunst ist mit ihren Kapazitäten an Metaphern und Formen an eine Grenze gekommen. Das tatsächliche Bild, dass tausende Menschen, die in der Europäischen Union Zuflucht und Hoffnung suchen, ihr Leben aufs Spiel setzen und dafür auch noch bestraft werden, ist kaum ertragbar. Nicht genug, dass die Grenzschutagentur Frontex in den vergangenen Jahren immer wieder Menschenrechtsverletzungen begangen hat: Dass Fischer im Mittelmeerraum nun dafür protestieren müssen, dass ihre Hilfe für in Seenot geratene Flüchtlinge, die sonst dem sicheren Tod geweiht wären, nicht strafbar bleibt, zeigt, dass die Europäischen Menschenrechte, auf die wir sonst so viel halten, nicht für alle Menschen gleichermaßen gelten. Das ist nicht nur eine Schande für die Organe der Europäischen Union, die es bis heute nicht geschafft haben, für die Flüchtlingssituation eine menschenwürdige Lösung zu finden, sondern auch für jeden Europäer, der fordert, Europa müsse sich mehr „abschotten“ und mit Flüchtlingen „härter verfahren“.

Mit dem Wohlstand, der in Europa und den übrigen wohlhabenden Regionen der Welt erzeugt wird, ließe sich das Leben Unzähliger retten, wenn dafür nur eine winzige Minderheit auf ihr verschwenderisches Leben verzichten würden. Die Superreichen, die mit ihren Millionen- und Milliarden-Vermögen die Werte aus der Gesellschaft abziehen, die nötig wären, um die vielen Bedürftigen der Welt mit Nahrung, Unterkunft und Medizin zu versorgen, müssen endlich in die Pflicht genommen werden, das Genommene an diejenigen zurückzugeben, die am Rande der Existenz leben. Denn die irdischen Armutsverhältnisse, die so viele Menschen nach Europa treibt, sind keine Naturgesetze, sondern die Folgen einer Politik, die Wenige privilegiert, während es den meisten schlechter geht, als es ihnen gehen müsste. Die Politik, die für die krassen Verhältnisse in den „Entwicklungsländern“ und das Gefälle zwischen den Regionen der Welt mitverantwortlich ist, muss endlich aufhören: Exporte von Agrarüberschüssen, künstlich gedrosselte Löhne in den wohlhabenden Nationen, moderne Kolonialbesatzungen durch westliche Landkäufe, sklavenähnliche Beschäftigungsverhältnisse und der Verkauf überteuerter Produkte ausländischer Monopolisten müssen der Vergangenheit angehören. Mindestens solange muss jedem Menschen, der in Europa Zuflucht vor Armut und Verfolgung sucht, zumindest das geboten werden, was ein Europäer erwarten dürfte: Menschenwürde.

Um auf solche Lösungen einer lebenswerteren und gerechteren Welt zu kommen, muss man nicht erst „Elysium“ oder den ebenso gesellschaftskritischen „Upside Down“ im Kino sehen. Diese Vision in die Tat umzusetzen, ist schon viel zu lange fällig – und für zu viele Menschen kommt die aktuelle Diskussion zu spät.

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