Putin: Ein getarnter Revolutionär?

Mit wem haben wir es bei dem Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, eigentlich zu tun? Für Außenstehende ist diese Frage immer schwerer zu beantworten. Eigentlich deutet zunächst einmal alles daraufhin ‒ folgt man der Berichterstattung der Presse und von kritischen Nichtregierungsorganisationen ‒, dass hier seit gut zwei Jahrzehnten die Inkarnation der unersättlichen Gier nach Macht die Staatszügel in den Krallen hält und auch nicht abgeben will: Nach der großen Protestwelle gegen seine erneute Präsidentschaft hat der ‒ natürlich nur dank Fälschungen bei der Abstimmung ‒ neu „gewählte“ Staatsführer erst einmal das Demonstrationsrecht praktisch abgeschafft, Schikanen gegen die Presse verschärft und die meisten relevanten kritischen Stimmen weg gesperrt; ausländische Beobachter wurden kurzerhand als spionierende „Agenten“ eingestuft und noch auf anderen kreativen Wegen wurde der Opposition das Leben so schwer wie möglich gemacht ‒ als wenn es nicht schon vorher anstrengend genug gewesen wäre, in Russland etwas gegen Putin und seine Gefolgschaft aus der Regierungspartei und der stets treuen Großindustrie zu sagen. So scheint sich Putin mit erschreckendem Erfolg bisher recht effizient alle potentiellen Gegenspieler vom Leibe gehalten zu haben.

Bisher. Denn spätestens mit der Internierung von drei Musikerinnen der Gruppe „Pussy Riot“ platzt der Bevölkerung, die sich nach einem Leben ohne Putin ‒ dieser Symbolfigur für Unterdrückung, Korruption und Konservatismus ‒ sehnt, endgültig der Kragen: für September sind neue, noch größere Proteste geplant. Wirkt es so, als würde der Präsident durch solche Urteile wie das gegen die ehrlichen Worte der drei jungen Damen jeden Keim von Protest niederknüppeln können, erschafft er in Wirklichkeit mit jeder seiner Aktionen gegen die Aufbegehrenden nur neue und noch mutigere Kräfte, die dem System immer mehr zur ernsthaften Gefährdung werden. Mit der Stringenz, wie Putin immer wieder neue Knechtungen anwendet und damit neue Proteste förmlich provoziert, fällt es schwer zu glauben, hinter seinen Machenschaften würde nicht ein akribisch ausgeheckter Plan stecken.

„Путин зажигает костры революции“, singen die verbliebenen Bandmitglieder in einem neuen Protestsong gegen die an stalinistische Zeiten erinnernde Strafe von zwei Jahren „Arbeitslager“: Mit seiner Hetzjagd gegen die Freiheit „gießt Putin Benzin ins Feuer der Revolution“. Mit beeindruckender Detailtreue hat der Oberoligarch seine Vorgänger aus dem Zarenreich in ihrer Machtausübung kopiert ‒ und er muss sich dessen bewusst sein, welches brutale Schicksal diesen Monarchen und ihren profitierenden Helfern einst vor knapp einhundert Jahren ereilte. Wenn er das weiß, kann er in Wirklichkeit eigentlich nur ein ausgefuchster Revoluzzer von der besonders heimtückischen und märtyrerhaften Sorte sein. Oder er ist ‒ was, alles in allem, letztlich doch naheliegender ist ‒ schlicht und ergreifend ein dummer Diktator, der nicht merkt, wann genug ist.

Doch egal, ob nun Putin der vielleicht am besten getarnte Revolutionär unserer Zeiten ist oder nicht: In Russland braut sich etwas zusammen. All die weltweit wahrnehmbaren Widersprüche ‒ eine Klassengesellschaft von absolut Verarmten, die in Schränken wohnen und sich im Alkohol ertränken müssen, und unverdient Superreichen, die in einem Leben perverser Dekadenz stets nur auf der Suche nach einem neuen Designerpullover für ihre Köter sind, bei gleichzeitig ungebremst voranschreitender Umweltzerstörung ‒ sind in Russland dermaßen unüberbietbar zugespitzt, sodass es jeden Menschen gesunden Verstandes krank machen muss, in solchen Verhältnissen zu leben. Putin selbst ist durch das von ihm gepflegte Image als Großmeister der Korruption mit seinen Villen, Fliegern und Luxusuhren im Gesamtwert von mindestens einer Milliarde Euro (MAZ vom 28. August) zur Verleiblichung dessen geworden, worauf sich die berechtigte Missgunst der Menschen fokussiert.

Überall auf der Welt, in jedem Popsong und jedem Hollywoodfilm, ist von diesen Widersprüchen inzwischen die Rede, doch was oft nur bei einer wirkungslosen Anmerkung aus Anstand bleibt, hat in Osteuropa heute die erneute Chance, sich in ungezügelten Taten zu entladen ‒ es wäre nicht das erste Mal. Wofür einst die Welt noch nicht reif war, könnte dieses Mal Wirklichkeit werden. Es wäre auch höchste Zeit.

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