Die 61. Berlinale stellt unsere Welt in Frage – schon wieder.

Bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin dabei zu sein, ist einerseits eine interessante Erfahrung voller großartiger Eindrücke, aber gleichzeitig auch harte Arbeit: Wer eines der 300.000 Tickets abbekommen möchte, muss sich möglichst zeitig in eine der nicht enden wollenden Schlangen in den Potsdamer-Platz-Arkaden einreihen. Die manchmal beneideten Personen mit einer Festival-Akkreditierung – sozusagen einer „Berlinale-Flatrate“ für Filmwissenschaftler_innen, Presse- und Wirtschaftsvertreter_innen – haben zwar die Chance, so viele Filme zu gucken, wie sie wollen, doch auch sie dürfen keine Langschläfer sein: bereits dreiviertel neun sind die meisten begehrten Karten weg, dabei fasst die Schlange wartender Filmbegeisterter zu Spitzenzeiten geschätzte 500 wartende Akkreditierte. Später reißt man sich in den Sälen um die besten Plätze, und zwischen den täglich bis zu sechs Filmen bleibt nicht viel Zeit, das Gesehene zu verarbeiten oder wenigstens etwas sättigendes zwischen die Zähne zu kriegen.

Doch das ist alles hinnehmbar. Im Gegenteil – Es macht eigentlich erst das Berlinale-Gefühl aus, von einem Film zum nächsten zu rennen, vorher und nachher mit der/m gerade erst kennen gelernten Sitznachbar_in Meinungen auszutauschen oder allein oder kollektiv sauer zu sein, dass der gerade projizierte Film nicht gefällt und man nun vielleicht etwas verpasst… Das alles stört nicht wirklich. Tatsächlich ist es etwas Anderes, was ein mulmiges Gefühl zurücklässt, was für Überforderung sorgt. Es sind die Filme selber.

Wenn man abends nach zwölf Stunden Film überlegt, was man da eigentlich den ganzen Tag gesehen hat, worum es eigentlich ging, wo der größte gemeinsame Nenner der Filme liegt, und dann noch versucht, das Gesehene schriftlich festzuhalten, kommt man in einen Konflikt. Nämlich, dass die Berlinale jedes Jahr aufs Neue versucht, die eigene Welt in Frage zu stellen.

Das ist nicht negativ gemeint, die Berlinale und die Filme trifft keine Schuld, es ist anders herum: Sie haben einfach keine andere Wahl. Denn wenn sich Filme mit Menschen und ihren Geschichten beschäftigen, nehmen sie Bezug auf unsere Lebenswirklichkeit. Und diese scheint defizitär zu sein, zumindest will einem das jeder Film in irgendeiner Hinsicht klar machen, bis man alles anzweifelt. Bei die „Jungs vom Bahnhof Zoo“ zum Beispiel geht es unter anderem um männliche Jugendliche in osteuropäischen Dörfern, die ganz genau wissen, dass sie, spätestens wenn sie 16 Jahre alt sind, nach Berlin fahren müssen, um als Stricher ihren strukturell arbeitslosen Familien das Essen bezahlen zu können; in „The Future“ versuchen zwei junge Leute jeden Tag aufs Neue, aus der Kleinkariertheit und Tristes des bürgerlichen Lebens in der Stadt zu entfliehen, ohne zu merken, dass immer wieder genau dort landen und ihnen nichts bevorsteht, wofür es sich lohnen würde, auf den nächsten Tag zu warten; und „Khodorkovsky“ zeigt, wie die russische Gesellschaft schon bald an ihren hausgemachten Widersprüchen, wo Modehunde im Pelzmantel herumlaufen und gleichzeitig Rentner_innen für 10 Euro ermordet werden, kaputt gehen wird. Nicht sehr ermunternd.

Die Berlinale führt uns immer wieder vor, wie erbärmlich doch das meiste ist. In „The Turin Horse“ leben ein Kutscher und seine Tochter von einer Kartoffel am Tag, während der Sturm das Leben schwer macht, das Pferd allmählich aufgibt und das Wasser verschwindet. Moritz Bleibtreu muss in „Mein bester Feind“ in der Rolle eines jüdischen Kunsthändlers die Identität eines SS-Offiziers annehmen, um seine Mutter aus dem KZ zu retten. Und im Kurzfilm „Woman Waiting“ ist die Ruhe, mit der eine Arbeitslose darauf wartet, wieder leben zu dürfen, nicht aushaltbar. So sieht es aus mit unserer Welt.

Natürlich, es gibt auch lustige Filme auf der Berlinale. Aber sie sind höchstens amüsant, weil die Welt, die gezeigt wird, amüsant, besser: lächerlich ist. Doch es geht nicht um eine Kulturkritik, sondern darum, dass das Medium Film wohl derzeit die einzige Kunstform auf der Welt ist, die annähernd die Konflikte unserer Gegenwart auf den Punkt bringen kann. Die Kunst hat sich nicht aufgelöst, wie es Hegel einst prophezeit hat, sondern sie ist immer noch da, und wir brauchen sie, um zu verstehen, warum das Zusammenleben noch nicht so funktioniert, wie es sich der Großteil der Menschen wünscht.

Wenn der Film uns dabei helfen kann, uns selbst besser zu verstehen und uns Anstöße gibt, über Veränderungen nachzudenken, hat er sein Ziel erreicht. In diesem Falle quäle ich mich auch gerne dafür.

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