Die Lüge des Westens platzt in der Deutschen Oper – so schön wie nie

Es gibt Geschichten, die uns seit der Kindheit durch das ganze Leben begleiten: Wir  kennen Lieder, die wir im Kindergarten das erste Mal gehört haben und nun im Schlafe mitsingen können, oder Filme, die wir einst gefühlte hunderte Male gesehen haben und inzwischen in den wichtigsten Sprachen aus dem Stand durchsynchronisieren könnten, oder Theaterstücke, wo wir im Saal direkt überwintern wollen.

West Side Story in der Deutschen Oper Berlin
West Side Story in der Deutschen Oper Berlin

Eine dieser Geschichten ist die der beiden rivalisierenden Gangs, die sich im Westen von New York einen schrecklichen Bandenkrieg liefern, der nur in einer Katastrophe enden kann. Die von den Mythen des „Amerikanischen Traums“ angezogenen Einwanderinnen und Einwanderer aus Lateinamerika, die im Hafen der Verführung einlaufen und nach einem Leben in Wohlstand, Sicherheit und Freiheit suchen, treffen auf die angestammte junge Bevölkerung der Metropole, die arbeitslos und desillusioniert in den Bars herumlungert und schon längst die Hoffnung aufgegeben hat, dass sich die leeren Versprechungen von sozialer Gerechtigkeit, Glück und Menschlichkeit jemals erfüllen könnten. In den Schluchten der Wolkenkratzer kämpfen sie um das wenige, was da ist: ein bisschen Freiraum, ein paar Dollar, einen Sitzplatz im Diner. Dass die unmittelbare Liebe zwischen dem inzwischen angestellten Tony und der eben erst eingereisten und noch naiven Maria unter diesen widersprüchlichen Verhältnissen der Armut und Tristesse scheitern muss, ist schon klar, bevor sie sich überhaupt treffen. Und auch wenn wir es anders erhofft hatten, wussten wir schon immer, dass ihre Geschichte so keine Zukunft haben kann.

Was haben wir da eigentlich gehört und gesehen? Das fragen wir uns erst, wenn wir unsere Geschichten nochmal zusammen mit unseren kleinen Geschwistern erleben, wenn sie uns als staubige Kassette aus dem Regal entgegen fallen – oder wenn sie neu inszeniert zurück auf die Bühne kommen. War uns damals klar, dass die betrunkenen Jugendlichen in ihrem Song an Officer Krupke treffend analysieren, dass sie an einer überdimensionierten „sozialen Seuche“ leiden und eben doch nicht an einem fehldiagnostizierten Mangel an ‚Verantwortungsbewusstsein‘ und ‚Eigeninitiative‘, dass hier die korrupten Polizisten und abgehobenen Politiker nur noch die geschwulstigen Symptome begutachten können, die sie selbst verursacht haben? War uns bewusst, wie im „America“-Motiv die illusorischen Träume auf die harte Lebensrealität treffen, sich dieses eigentlich progressive musikalische Thema erbarmungslos in die brutale Vergewaltigungszene drängt und so die hässliche gefräßige Fratze des Marktes entblößt; dass „West Side Story“ nicht die „Geschichte“ des westlichen Stadtteils, sondern die Tragödie einer Ideologie ist, die ihr allumfängliches Scheitern schon längst nicht mehr verstecken kann? War es nicht schon damals klar, von welchem noch unerreichbaren Ort, von welcher Gesellschaft diese jungen Menschen da eigentlich träumen, wenn sie singen: „Irgendwann, irgendwo, finden wir eine neue Art zu leben“, dass ihre romantische Liebe füreinander ja schlicht die Sehnsucht nach dieser Zukunft erfüllter Hoffnungen ist, die sich schon vorsichtig andeutet?

1957 wurde diese Jahrhundertgeschichte uraufgeführt. Was sie so wertvoll macht, verstehen wir heute besser als früher: Dass Bernstein und sein Team es in den 50er Jahren vollbracht haben, die widerliche gesellschaftliche Wirklichkeit des Abendlandes, in dem die eingebrochene düstere Nacht nicht mehr enden zu wollen scheint, so überwältigend schön in Musik und Tanz umzusetzen – und dabei eine Menschheitsprognose anstellen, die sich heute in erschreckender Detailtreue erfüllt. Das ist eine historische Leistung. Die neue, schlicht als perfekt zu bezeichnende Umsetzung durch das künstlerisch vollkommen überzeugende Ensemble um Choreograf und Regisseur Joey McKneely beschert einem eine zweieinhalb Stunden lang anhaltende Haaraufstellungen, dass man vor sich selbst und seiner eigenen Gegenwart Angst kriegt. Nach der Aufführung des internationalen Teams, welches mit einem Durchschnittsalter von gerade einmal 21 Jahren ungeahnt souverän auftritt, hat die berauschenden stehenden Ovationen am Ende der Veranstaltung mehr als verdient – vor wie hinter dem Vorhang toben die Menschen vor Überwältigung. Diese Euphorie ist nicht grundlos, sondern beweist die Zeitlosigkeit dieses Werkes.

„West Side Story“ ist unsere gemeinsame Geschichte – damals und heute. Maria, der es niemand jemals verübelt hätte, wenn sie nach der Ermordung ihres Geliebten erst die ganze Straße und dann sich selbst exekutiert hätte, hat im letzten Moment doch nicht abgedrückt, sondern die Liebe zu unserer Zukunft siegen lassen. Doch auch Maria wird aus aller Kraft hassen müssen, wenn auch weiterhin jeder schwächste Funken an Hoffnung auf eine allumfassend erfüllte, gerechte und menschliche Zeit systematisch zerquetscht wird. Die Menschen mit Macht – oder Mut – werden nun darüber entscheiden, wie unsere Geschichte zu Ende geschrieben wird.

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