Film ohne Alternativen: “Die Jungs vom Bahnhof Zoo”

Der Dokumentarfilm „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“, welcher gestern auf der 61. Berlinale im Cinemaxx am Potsdamer Platz erstmalig öffentlich aufgeführt wurde, lässt keinen Spielraum für Auslegungen, gewagte weitschweifende Interpretationen oder kluge Kommentare. Der Film des durch seine Mitbegründung der deutschen Homosexuellen-Bewegung und seine dieses Thema behandelnden Filme bereits aufgefallenen Regisseurs Rosa von Praunheim erzählt die Geschichten von fünf jungen Männern im „besten Alter“, die aufgrund finanzieller Schwierigkeiten in das Milieu der schwulen Prostitution gerutscht sind: Der eine wurde erst von seiner Mutter misshandelt und tyrannisiert, kam dann in einem Jugendheim in Kontakt mit Drogen und Kriminalität und stand wenig später vor dem Berliner Bahnhof Zoologischer Garten, um „Anzuschaffen“ – die 100 Mark seien für ihn leicht verdientes Geld gewesen, auch wenn die Arbeit nicht angenehm war. Ein anderer Protagonist wächst zusammen mit anderen Jugendlichen in einem Dorf in Bosnien auf; den meisten ist klar, dass es dort keine Arbeit gibt, in Berlin hingegen sich schnell viel Geld verdienen lässt, welches die armen Familien dringend benötigen – so reist ein junger Mann nach dem anderen nach Deutschland, um ihre Körper zu bewerben und ausschlachten zu lassen, alle erwartet das gleiche Schicksal. Am meisten schockieren die Erzählungen eines dritten Jugendlichen, welcher erzählt, wie er mit 11 Jahren vom Hausmeister der Schule missbraucht wurde, dann schnell eine ganze Bande von Pädophilien ihn ausnutzt – erst später, als seine Kindheit und damit auch seine Hoffnungen auf eine gute Zukunft bereits vergangen sind, lässt er sich überzeugen, dass er „damit“ auch Geld verdienen könne. Jahre später wird ihm bewusst, dass er Opfer von Straftaten geworden ist.

Von Praunheim begleitet mit der Kamera den Berliner Verein „Sub/Way – Hilfe für Jungs“, welcher den „Strichern“, die ihre Dienste am Bahnhof Zoo verkaufen, mit Kondomen, für sie wichtigem Gleitmittel und wenigstens einer kleinen Malzeit versorgt – so sollen Krankheiten vermindert und Ausstiegschancen eröffnet werden. Ein Engagierter des Vereins gesteht ein, dass ein Ausstieg fast nie möglich ist: Zu groß sind die finanziellen Anreize der Szene (für bestimmte entwürdigende Handlungen erhielten die jungen Männer, so wird berichtet, innerhalb einer Stunde in seltenen Fällen bis zu 700 Euro), welche bei Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von Drogen keine Alternative lassen, ein „Nein“ praktisch ausschließen. Ein Angebot für ein gutes finanziell abgesichertes Leben kann der Verein nicht allen jungen Männern geben. Die Protagonisten in dem Film erzählen, dass der Markt hart umkämpft ist, die „Freier“ können inzwischen den Preis beinahe beliebig nach unten drücken – für einen Menschen ohne Wohnung, Nahrung und Sicherheit zählt jeder Euro. Eine Ärztin, die für den Verein in einem mobilen Sprechzimmer arbeitet, berichtet, dass die Jugendlichen keinerlei normales Verhältnis zu Sexualität aufbauen konnte, „sexualisierte Kinder“ sind, die es sich abgewöhnen mussten, Scham und Ekel zu empfinden. Der Zuschauer schämt sich hingegen schon: für die Menschen, die diese Lage hervorrufen und dann für ihre verbrecherischen Triebe ausnutzen.

Während die fünf jungen Männer von ihren Schicksalen, die in der Gegenwart vorprogrammiert sind, berichten, kommt auch die Nutznießer-Seite dieses Systems zu Wort: zum einen in Person eines nur mit einer Maske bekleideten, welcher stolz seine Bildersammlung präsentiert, zum anderen in Form eines übergewichtigen Homosexuellen aus Wien, welcher sich nicht mehr nach Sex, sondern einem „Kopf auf der Schulter“ sehnt – und dafür teuer bezahlen muss. „Wer möchte schon mit einem Monster wie mir zusammen sein?“, fragt er sinngemäß, während gezeigt wird, wie er im Pool schwerelos zu werden scheint. Sich zur eigenen Gleichgeschlechtlichkeit im seines Erachtens „undemokratischen“ Österreich zu bekennen, sei unmöglich. Auch deswegen muss er allein schon für die Anwesenheit eines Mannes nicht selten fünfzig Euro pro Stunde zahlen. Auch für ihn empfindet der Zuschauer fast so etwas wie Mitleid, bis er meint, er würde zwar nicht auf Kinder, schon aber auf junge Männer ab 16 Jahren stehen.

Es ist nicht nötig, hier alle Details der Schandtaten aufzuführen, die in dem Film angesprochen werden. Es macht auch nicht viel Sinn, interpretieren zu wollen. Schließlich verbleibt nur eine Schlussfolgerung, die keine Schlussfolgerung ist, sondern eine Tatsache: dass in einer Ordnung, die keine vernünftigen Szenarien entwickeln konnte, um Menschen anhand würdiger Arbeitsverhältnisse selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen zu können, in welcher alles für Geld gekauft werden kann, jedes erzeugbare Gut einen marktwirtschaftlichen Wert bekommt, ausgedrückt in bezahlbaren Einheiten, wo Menschen wie selbstverständlich unter Brücken schlafen, abhängig gemacht werden und wie Vieh so lange ausgesaugt werden, bis von ihnen nicht mehr viel übrig ist, bleibt jede Diskussion darüber, was man wirksam gegen solche Phänomene tun kann, eine leere Floskelsammlung, eine zynisches Sammelsurium von Sonntagslügen, lächerliche Versprechen von Erfolg durch Einsatzbereitschaft, Aufstieg durch Leistung oder Chancen für jeden. Nach diesem Film der „-losigkeiten“, der Abwesenheit von allem – von Wohnungen und guter Nahrung, von Würde, Arbeit und Respekt, von gerechtem Fortschritt und Fairness im weitesten Sinne – bleiben keine Deutungsmöglichkeiten zurück, keine Spuren von Tiefgründigkeiten. Hier liegt alles an der Oberfläche, was sonst in verschlossenen Wohnungen, Erotikgeschäften und Bars verschwunden ist. Es wird greifbar nahe und entfernt sich angesichts der Alternativlosigkeit in der gegenwärtigen Ordnung zugleich auf eine solche Distanz, dass es schwierig wird, sie zu ertragen.

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