Gelebte Träume: „Hugo Cabret“ hätte auch zehn Oscars verdient

Um die Wende zum 20. Jahrhundert – noch vor dem ersten Weltkrieg, als der Film noch eine neuartige Jahrmarktsattraktion war – erschuf der Filmpionier Georges Méliès mit seinen phantastischen Märchen bis dahin unbekannte Bilderwelten, in die sich die Menschen hineinträumen konnten: In liebevoll inszenierten Geschichten von Meerjungfrauen, Zauberern und Astronauten entdeckten die ersten Kinozuschauer_innen Szenerien, die sie sich so detailliert kaum hätten vorstellen können. Georges Méliès materialisierte diese menschlichen Sehnsüchte mit Hilfe spektakulärer Spezialeffekte: In „Die Reise zum Mond“ („Le voyage dans la lune“) von 1902 unternimmt eine mutige Gruppe von Erdlingen eine wahnwitzige Exkursion zum Erdtrabanten, wo ungeahnte (und natürlich frei erfundene) Gefahren und Wunder warten. Hier kommen alle Menschheitsphantasien aufeinander: Die Rakete landet im Auge des „Mondgesichtes“, im Untergrund warten unheimliche Mondmännchen… Wo kann man schon so viel über das Wesen der Menschen lernen wie in ihren kühnen Träumen?

Auch Hugos Alptraum hat sich bewahrheitet: Der Eisenbahnunfall in Gare Montparnasse, 1895 (Quelle: Wikipedia)
Auch Hugos Alptraum hat sich bewahrheitet: Der Eisenbahnunfall in Gare Montparnasse, 1895 (Quelle: Wikipedia)
Oscar-Abräumer „Hugo Cabret“, der in diesem Jahr gleich mit fünf Exemplaren des wichtigsten Filmpreises der Welt ausgezeichnet wurde, ist eine Liebeserklärung an das zeitweise fast vergessene Werk des Künstlers Georges Méliès – vor allem dadurch, dass „Hugo“ selbst ein bildstarkes Märchen ist: Der in 3D produzierte Film mit aufwändigen Computeranimationen entführt die Zuschauer_innen in ein verträumtes Paris der frühen 1930er, im welchem die Menschen scheinbar ständig tanzen, sich täglich Blumen schenken und den ganzen Tag bei Kaffee und Croissants plauschen. Eine vermeintlich perfekte Welt, die ihre Schattenseiten hat: Der zwölfjährige Hugo, Sohn eines begabten Uhrenmachers und Kinofans, lebt nach dem schmerzhaften Tod seines Vaters in Hunger und Armut im Dach des geschäftigen Pariser Bahnhofs Gare Montparnasse und hat sein Zuhause im Gemäuerlabyrinth des Bahnhofs, wo er die riesigen maschinenartigen Uhren repariert, schmiert und aufzieht – so hält er den kompromisslosen Puls der Großstadt am Leben. Sein eigenes Herz aber schlägt für einen mechanischen Maschinenmenschen, dessen Reparatur er mit seinem geliebten Vater begonnen hatte, aber nicht fertig stellen konnte. Diese Maschine zu reparieren ist für Hugo ein scheinbar unerfüllbarer Traum, den er voll und ganz lebt – und ihm schließlich zum Filmemacher Georges Méliès führt: Dieser hatte die zeichnende Menschenmaschine einst konstruiert, produzierte dann, von der Kinematographie fasziniert, einen bunten Abenteuerfilm nach dem anderen und endete schließlich, nachdem der erste Weltkrieg jede Freude vernichtet hatte, als Spielzeugverkäufer im Bahnhof, wo er die Erinnerung an seine glorreichen Zeiten verdrängen will. Doch Hugo kann selbst den alten Filmkünstler Georges „reparieren“, indem er ihm zeigt, dass sein Werk in der von ihm konstruierten Menschenmaschine weiterlebt und es Leute damals wie heute lieben, sich in Märchenwelten zu versetzen – und zu träumen.

Martin Scorsese hat nicht nur einen Film geschaffen, der mit seinen zahlreichen filmhistorischen Bezügen, seiner Verbildlichung der ungezügelten Maschinen- und Fortschrittsbegeisterung der Menschheit während der Industrialisierung und einer niemals schlafenden, durchrhythmisierten Metropole so manche Vorlesung der Kulturwissenschaft ersetzen könnte. „Hugo Cabret“ könnte selbst ein Méliès-Film sein. Gleichzeitig zeigt uns das Meisterwerk, dass die Welt, in welcher wir heute leben, aus dem Blickwinkel von vor einhundert Jahren selbst eine wahr gewordene Traumwelt ist, in der scheinbar Unmögliches möglich geworden ist. „Hugo“ fordert uns auf zum Träumen von einer Zukunft, in welcher sich das Phantastische mit Wahrheit erfüllt, das Unglaubliche plötzlich glaubwürdig wird. Zukunftsforscher James Allen Dator sagt: „Jede nützliche Vorstellung der Zukunft sollte lächerlich erscheinen“, lächerlich wie eine Reise zum Mond, die ja längst kein gewagter Traum mehr ist. Wer nach diesem Glanzstück der Kinematographie wieder von einer durch und durch erfüllten und lebenswerten Zukunft für alle träumt, seine Hoffnung auf die Erfüllung kühnster Visionen und Utopien wieder aufleben lässt, keine Angst mehr vor der Sehnsucht nach einem wirklich guten Übermorgen hat – diese Menschen können verstehen, warum dieser Film auch zehn Oscars verdienen würde.

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