Generation ohne Identität: „The Future“ auf der Berlinale über Menschen, die sich nicht finden

Der Friedrichstadtpalast ist so stark gefüllt wie es sonst nur selten auf der Berlinale der Fall ist: Der Ansturm ist groß, alle wollen die Geschichte zweier junger Menschen sehen, die in einer unaufgeräumten Einzimmerwohnung hausen, mehr oder weniger intellektuelle Gespräche über die Irrelevanz der Alltagsereignisse führen und schlussendlich doch nichts mit sich anzufangen wissen.

Das Gesellschaftsdrama „The Future“ von Miranda July, die bereits 2005 mit „Ich und du und alle, die wir kennen“ einen Treffer landete, zeigt in ihrem diesjährigen Beitrag für den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Berlin das Bild einer Generation, die verzweifelt darum kämpft, einzigartig zu sein und sich dabei in scheinbar unüberwindlichen Widersprüchen verzettelt. Vielleicht sind so viele Leute an diesem Mittwochnachmittag zum Friedrichstadtpalast gekommen, weil sie sich in der Beschreibung des Films ein bisschen wiederentdeckt haben und sich wenigstens ein wenig über sich selbst lustig zu machen. Schließlich ist „The Future“ zu weiten Teilen nichts anderes als eine Klischeesammlung über die Generation, die heute zwischen 20 und 30 Jahren sind oder wenigstens noch mal so alt wären. Nach dem Film bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich glücklich sein soll, dass ich dazugehöre.

In ihrem täglichen Kampf gegen Langeweile und Gruppenzugehörigkeit, gegen „Gutbürgerlichkeit“ und Regeln, spiegelt sich die ganze verlorene Generation wieder, die „Was mit Medien“ machen möchte, alles unterlassen möchte, was ihre Eigenständigkeit oder Souveränität antasten könnte und verzweifelt dagegen ankämpft, dass der Eindruck entstehen könnte, sie würden nicht wissen, wohin mit sich. Doch ausgerechnet bei diesem Versuch, dem Alltag mit Zynismus zu begegnen, passiert das Unausweichliche, das Problem, welches nicht das Problem der „Generation Doof“, sondern die der „Generation Ich-lebe-im-Altbau und habe keine großen Anspräche“. Keiner der Lebensansprüche, nach dem die jungen Leute streben, sind zu verurteilen, im Gegenteil: Sie wollen die Welt zum Guten verändern, was in Nachhaltigkeit, Zurückhaltung der eigenen Konsumwünsche und dem Wunsch nach einer Bedeutung für jeden einzelnen Lebenstag besteht. Doch sie verfehlen ihre Ziele und werden zum Abbild der Mediengeneration, die alle Vorurteile erfüllt, die Außen- wie Innenstehende nur haben können.

Bei Miranda July wird der einzigartige Alltag zur Langeweile, die Individualität zur Verlorenheit in der Masse und das Verantwortungsbewusstsein zur Angst vor der Zukunft: Sophie und Jason wohnen in ihrer kleinen Wohnung und tun so, als würden sie nichts wollen; jede freie Minute wird genutzt, um bei Facebook den Status der anderen Communitymitglieder zu überprüfen oder bei Youtube zu sehen, dass nicht die große Kunst, sondern wackelnde Hintern gefragt sind; mit ihrer gestreckten und affektierten Sprechweise wird jede Aussage zum Klamauk, jeder Ernst zur Lächerlichkeit; die Gespräche verlieren sich immer wieder, wenn es nur darum geht, in abstrusen Phantasiewelten dahinzuschwelgen oder in platten pseudophilosophischen Floskeln wie „Mit deiner Kündigung in der Tanzschule bist du endlich wirklich frei“ oder „Man muss nur den Mut habe, auf alles zu achten und zuzuhören, dann findet einen das Glück“ zu baden. Natürlich wird Sophie, die sich als Tänzerin mit dem Hang zum Alternativen in einer kommerziellen Tanzschule für Kinder unterfordert fühlt, mit ihrer neuen Anfang nicht viel anfangen können: Ihre Choreografie, die ihr durch den Kopf geht, kann sie erst umsetzen, als sie sich von ihrem genauso ratlosen Freund Jason trennt und sich einer Affäre im Einfamilienhaus eines allein stehenden Schildverkäufers hingibt. Jason hingegen möchte sich als Umweltschützer versuchen, doch die einzigen Baumsetzlinge, die er im Projekt „Tree by tree“ loswird, sind die, die er an sich selbst und einen alten Opa verkauft, der Gesprächsbedarf hat. Dass er ihn ein paar mal trifft, um über die Welt zu reden, war nicht der erhoffte Umbruch („Ich dachte immer, dass ich mal Staatschef werde“), den er sich vielleicht vorgestellt hat. Dass Jason in dieser Situation noch seine mentalen „Fähigkeiten“ anstrengt, um die Zeit anzuhalten, wird der ganzen Generation im Friedrichstadtpalast zum Rätsel. Doch letztendlich ist es Ausdruck dafür, dass den beiden Menschen in Zukunft nichts bevorsteht, worauf sie sonderlich warten könnten. Vor allem sind es nicht die bürgerlichen Verhältnisse, zu welchen sie aus Angst geflüchtet sind, welche sie aber noch in viel tiefere Konflikte und Leere gestürzt hat, als anzunehmen war. Schließlich müssen sie feststellen, dass sie in die Situation geraten sind, aus welcher sie einst andere Menschen retten wollten.

Um aus der Alltagslangeweile zwischen Facebook, Wahngesprächen und Unterbeschäftigung zu entkommen, beschließen die beiden, Verantwortung zu übernehmen und die kranke Katze „Pfötchen“ zu adoptieren und aus dem Tierheim zu befreien. Doch während sie auf der Suche nach sich selbst sind, vergessen sie die Katze im Tierheim, die in sehr gelungenen Monologen zu sich selbst und zum Publikum über ihre Hoffnung auf ein Leben in Freiheit jenseits der Gitterstäbe und auf Zuneigung spricht. „Pfötchen“ stirbt, genauso wie die Beziehung zwischen Jason und Sophie hinfällig geworden ist. „Das Leben ist nur ein Anfang, der jetzt vorbei ist“, spricht die Katze und läutet damit die Verlorenheit der beiden jungen Leute ein, deren Untergang in einer Gesellschaft, in der es für sie keinen würdigen Platz gibt, vorprogrammiert ist. Die „Was mit Medien“-Generation im Friedrichstadtpalast klatscht Beifall, der sich gewaschen hat.

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