Alle Schulen brauchen gemeinschaftlich wirtschaftende Mittagsküchen!

Mensa-Essen muss nicht minderwertig sein. Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen ist es das in der Regel leider doch.
Mensa-Essen muss nicht minderwertig sein. Doch dazu ist politischer Mut gefragt, um dem Markt seine Grenzen aufzuzeigen. Foto: Gerhard Seybert - Fotolia.com

Der länderübergreifende Lebensmittelskandal, bei welchem Tausende von Schülerinnen und Schüler an vergammelter Schulspeisung erkrankt sind, hat bei mir dunkle Erinnerungen an meine eigene Schulzeit geweckt. Während ich mich an den Unterricht gern erinnere, ist die Mittagsverpflegung bis heute ein Schandfleck. Mehrere privatwirtschaftliche Anbieter bewältigten innerhalb meiner siebenjährigen Ausbildung am Humboldt-Gymnasium in  Potsdam nicht die Aufgabe, ein stets gesundes, frisches und altersgerechtes Essen zu servieren: Beinah ausnahmslos waren die Mahlzeiten so unausgewogen, dass sie nicht nur ungesund waren, sondern auch nicht wirklich sättigten; ausgerechnet das hochpreisigste Essen (zu 2,50 Euro) war eine in einer Wegwerf-Aluschale servierte aufgebackene Tiefkühlpizza; einmal mussten einige meiner Freunde und ich das Erbrechen herbeiführen, weil wir nach dem Verzehr von bitterem Fisch Angst vor einer Vergiftung hatten. Die erbärmliche Qualität des Essens war keine unbekannte Größe in der Schule, weshalb viele meiner Mitschülerinnen und Mitschüler lieber ihr Mittagessen bei einem asiatischen Anhänger-Imbiss bezogen, sich mit einem in Ketchup und Senf getränkten Brötchen, Würstchen oder Schokoriegeln von der Snacktheke zufrieden gaben oder einfach gar nichts  zum Mittag aßen. Dass an einen geregelten Mittagsbetrieb nicht zu denken war, lag auch an mangelnden Sitzmöglichkeiten (teilweise musste auf den Treppen gegessen werden) und der viel zu kurzen Pause, während allein schon das Warten in der Schlange vor der Essensausgabe die Hälfte der Pausenzeit aufbrauchte.

Von Bekannten höre ich immer wieder, dass sich die Situation an den Schulen kaum gebessert hat. Die kürzliche Epidemie war nur die Spitze des Eisbergs – es mangelt nicht nur schlicht an Hygiene oder Kontrollen, sondern an sozial- und gesundheitspolitischem Mut, die Schulspeisung als fundamental für die körperliche und seelische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu behandeln. Nahrhafte, gesunde und vielfältige Mahlzeiten zu geregelten Zeiten sind ein Kulturgut. Es ist im 21. Jahrhundert erschreckend und für unser Wirtschaftssystem typisch zugleich, dass ausgerechnet bei den Grundbedürfnissen von jungen Menschen in absurdem Maße gespart wird. Es ist nicht überraschend, dass diese Entwicklung nun in flächendeckender Körperverletzung gipfeln musste. Die gesamtgesellschaftlichen nicht kalkulierbaren Schäden, die aus der schlechten Verpflegung folgern – Übergewicht durch Unausgewogenheit, Krankheiten infolge des Mangels an lebenswichtigen Nährstoffen, Unkonzentriertheit im Unterricht und nach der Schule, mangelhaftes Bewusstsein für die Wichtigkeit einer gesunden Ernährung bis ins Erwachsenenalter hinein usw. –, muss die Gesellschaft „bezahlen“, während sich – wie immer – die Wirtschaft sattverdient. Dabei könnte es ganz anders sein.

Als Student an der Universität Potsdam habe ich schätzen gelernt, was eine gute Pausenspeisung bedeutet: Täglich werden mindestens vier Speisen angeboten (dank des Einsatzes der Verfassten Studierendenschaft auch immer ein veganes), außerdem gibt es eine Salatbar, frisches Obst – und das bis in die Abendstunden hinein. Die Preise liegen zwischen 1,20 Euro (für ein einfaches sättigendes Essen) bis zu ca. 5 Euro (für aufwändige, vor den eigenen Augen zubereitete Menüs). Wer selbst kocht, zahlt oft mehr. Finanziert wird das Essen dreiteilig: Einerseits über den semesterweise eingezogenen Beitrag der Studierenden von 40 Euro, durch Subventionen des Landes und den eher symbolischen Kaufpreis. Es ist kein Wunder, dass die Mensen der Studentenwerke überfüllt sind und viele Studierenden nur an die Hochschule kommen, um gut zu essen.

So müsste es auch den Schulen sein: Verträge mit Billig-Caterern müssen der Vergangenheit angehören. Alle Schulen müssten ausnahmslos alle über eigene Küchen und gute Speisesäle verfügen, das Essen müsste dezentral direkt vor Ort anhand regionaler ökologischer Produkte zubereiten werden – organisiert durch eine selbstverwaltete Anstalt des öffentlichen Rechts. Die Eltern sollten zur Finanzierung eine schuljährliche Pauschale leisten, z.B. 100 Euro. Dieser Betrag sollte bei Empfängern von Sozialleistungen ohne Antrag direkt aus dem Bundeshaushalt gezahlt werden. Wenn auch Länder und Kommunen einen Zuschuss in Form von Inventar und Logistik leisten, würden selbst die derzeitigen „Discount“-Preise nur geringfügig steigen. Das geht nur, wenn die Irrlehre endlich aufgegeben wird, dass „Sparen“ in öffentlichen Haushalten ein Allheilmittel ist – tatsächlich ist es nur ein Synonym für die weitere Verschlechterung der öffentlichen Daseinsvorsorge zu Lasten der darauf Angewiesenen zugunsten einer weiteren Bereicherung der ohnehin schon Reichen.

Sollte es hier nicht bald ein Umdenken geben, werden die Kosten hoch sein.

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