Wo sich alles verändern muss: Die USA am Abgrund in “Jayne Mansfield’s Car”

Jayne Mansfield war 34 Jahre alt, als sie mit ihren drei Kindern auf dem Rücksitz in ihrem Auto auf dem Highway 90 in der Nähe von Slidell, Louisiana, unterwegs war. Sie war zu ihrer Zeit eine der berühmtesten Schauspielerinnen der USA, ein Sexsymbol. Die Autofahrt am 12. Mai 1967 sollte ihre letzte sein: Bei einem Unfall wird die Schönheit getötet, ihre Kinder überleben leicht verletzt. Lange hält sich das Gerücht, Mansfield sei bei dem Unfall sogar enthauptet worden – dabei war ihr nur die blonde Perücke vom Kopf geschleudert worden – In Wirklichkeit war sie brünett. Zwei Jahre später stellt jemand ein Autowrack aus und verkauft es dem Publikum als den Wagen von Jayne Mansfield. Total demoliert, fährt es der Schausteller auf einem umgebauten LKW quer durch das Land und lässt sich dafür vom gaffenden sensationslustigen Publikum bezahlen. Dass es wohl gar nicht das echte Unfallauto ist, nehmen die zahlungswilligen Gäste gern in Kauf.

Einer dieser zahlenden Gäste ist der ultrakonservative Jim Caldwell (gespielt von Oscar-Preisträger Robert Duvall). Wenn es in der Nähe einen Unfall gibt, setzt er sich ins Auto und fährt zum Unfallort. Die meisten würden gern darauf verzichten, sich die ausgebrannten, auf dem Dach liegenden Wracks, aus denen leblose blutüberströmte Körper hängen, anzusehen. Doch für das Familienoberhaupt bietet der Anblick die Möglichkeit, nachzudenken, was er gern und oft tut. Warum sind die Autofahrer von der Straße abgekommen? Waren sie abgelenkt oder übermütig? Was haben sie in ihrer letzten Sekunde gedacht? Der Vater, der selbst nicht mehr viele Jahre auf dem Lebenskonto haben dürfte, entwickelt dazu die gewagtesten Theorien. Jim Caldwell, der in Alabama einen wohlhabenden Lebensabend verbringt. Er lebt einen “Amerikanischen Traum” der konservativen USA in den 1960ern, wie er im Bilderbuch stehen könnte und eher einem absurden Alptraum gleicht: Vor dem großen edel eingerichteten Haus (“Wie in ‘Vom Winde verweht’!”) weht auf hohem Mast die amerikanische Flagge, eine Schwarze kümmert sich um den Haushalt, die Ehefrau hält den Mund, wenn sich Männer unterhalten. Dieses Leben ist nur für die ertragbar, die es nicht hinterfragen oder erkennen. Doch hier stimmt noch viel mehr nicht, denn auch diese scheinbar ideale 50er-Jahre-Familie ist selbst schon zerrissen, hat ihre Schattenseiten und “schwarzen Schafe”: Während der eine Sohn Skip (Billy Bob Thornton) seit seiner Verwundung im Vietnamkrieg nur noch seine drei Sportwagen im Sinn hat und sich vorstellt, sie wären Flugzeuge, ist der zweite Sohn Kevin Bacon Berufskiffer und wird regelmäßig für die Teilnahme an Antikriegsdemonstrationen festgenommen. Dass dem Vater, der heute wohl die “Tea Party” wählen würde, die politische Einstellung seines Sohnes nicht gefällt, zeigt er ständig: Für ihn hat er kein einziges gutes Wort übrig, vor dem Knast rettet er ihn nur aus Angst um sein eigenes Ansehen. Auch der etwas merkwürdige und ebenfalls den Krieg hassende Skip lässt sich gern von verschiedenen Substanzen bei der Bewusstseinserweiterung helfen, lebt aber noch trotz des vorangeschrittenen Alters weiterhin bei seinem Vater, der ihn ignoriert. Mitten in diesem familiären Chaos kommt, unpassenderweise ausgerechnet während des Abendessens, die Nachricht vom Tod der Mutter, von der Vater Jim einst verlassen wurde, um die Welt zu bereisen, Neues kennen zu lernen. In Großbritannien hat sie einen neuen Mann gefunden und neu geheiratet. Nun treffen anlässlich des Begräbnis diese beiden völlig verschiedenen Welten, die südstaatlichen Caldwells und die britischen Bedfords, aufeinander.

Während zu Beginn des Films vor allem das väterliche Familienoberhaupt, der beruflich erfolgreiche Sohn Jimbo Caldwell (der als einziger nicht im Krieg war und sich dafür schämt, schließlich liegt es in der Tradition der Familie) und dessen Frau noch versuchen, ihre eigene Gegenwart zu bekräftigen, ihr eigenes Leben zu verteidigen und den Status Quo aufrecht zu erhalten, wird mit der Ankunft der Bedfords aus England klar, dass in beiden Familien alles völlig marode und überkommen ist. Hier will eigentlich jeder alles, bloß nicht das, was er hat: Donna, einstige Schönheitskönigin, die doch eigentlich mit ihrem reichen Ehemann glücklich verheiratet ist, nutzt die erst beste Gelegenheit, sich an einen anderen Mann ranzumachen. Camilla Bedford (Frances O’Connor) ist eigentlich zurückhaltend, doch der interessante Caldwell-Sohn Skip weckt in ihr die Neugier auf Experimente gewagter Art, und auch der ebenso antimilitärisch eingestellte Sohn des stets zugedröhnten Kevin überlegt sich allmählich, dass es doch irgendwie “cool” sei, Soldat zu sein und der ganzen Tristess und Kleinkariertheit des Südens der USA zu entkommen. Auch wenn sonst gern über die “Yankees” hergezogen wird oder manch einer sogar lieber nach Virginia ziehen würde als jemals einen Fuß ins “schimmlige und beschissene England” zu setzen, finden alle die ausländischen Akzente irgendwie sehr anziehend. Niemand hier ist zufrieden mit sich selbst, mit der eigenen Weise zu leben, mit der eigenen Gesellschaft – und die kleinste Chance auf etwas Neues wird sofort ergriffen, natürlich ohne Aussicht auf wirkliche Besserung.

Die einzigen, die ihr Leben noch ertragen können – auch wenn sie wohl die unglücklichsten Familienmitglieder des Caldwell-Clans sind -, sind die beiden Brüder Skip und Kevin, die beide schreckliche Erfahrungen im Krieg durchmachen mussten. Skip ist zwar vom Militärischen immernoch auf ungesunde Art und Weise irgendwie angetan, sammelt Modelle von Kriegsflugzeugen und lässt sich vom Kriegsspiel mit seiner Experimentierpartnerin Donna ordentlich aufgeilen, doch im Kern hatte ihn an diesem gefährlichen Spiel immer nur die eine Sache interessiert: “Ich wollte nie die Wracks sehen, den letzten Gedanken eines Soldaten wissen, leere Gesichter der Toten sehen. Ich wollte nur Fliegen. In der absoluten Stille. Aber es war nicht still. Es war laut und verrückt. Menschen reden nicht über den Krieg, weil es niemand hören will.” Er sei schnell von Sachen zu begeistern: für das Fliegen, für eine schöne Frau, für den Krieg. Doch wenn er seinen von Brandnarben überzogenen Oberkörper zeigt und erzählt, dass nur durch die rettende Hilfe eines Aderen verschonten die Flammen sein Gesicht verschonten, kann er das systemische gegenseitige Morden nicht mehr gutreden: “Ich hatte noch Glück” – für die anderen endete das Leben im Krieg endgültig. Dass die Väter der Familien Caldwell und Bedford (die noch vor einem Tag tief verfeindet waren und beide um die eine Frau buhlten, nun aber durch ihre gemeinsame Liebe zum Krieg zu Kumpels geworden sind) bei dem Schicksal ihrer Söhne, die entweder ihr Leben dem Kampf gegen den Krieg widmeten oder einfach auf Lebenszeit gezeichnet sind, weiterhin die Verbrechen im Vietnamkrieg verteidigen und diejenigen, die in Kriegsgefangenschaft waren, als Soldaten zweiter Klasse abwerten, ist nur symptomatisch für die US-amerikanische Gesellschaft, die ohne imperialistische Kriege schon längst an ihren unüberwindbaren inneren Widersprüchen zu Grunde gegangen wäre.

In dieser absurden Szenerie kann es niemanden mehr wundern, dass sich das Leben nur noch mit Hilfe von bewusstseinsveändernden Substanzen ertragbar ist, dass manch junger Mensch – von den schrecklichen Leitbildern des heldenhaften Veterans, des cool im Baum sitzenden Soldaten völlig durchideologisiert -lieber in den Krieg zieht als noch mehr Zeit des eigenen Leben dort verschwenden zu müssen, sich Menschen lieber in eine Gedankenwelt aus Illusionen und falschen Hoffnungen verabschieden statt die Realität noch länger mit ansehen zu müssen. In diesem Land, welches sich nur durch den Kampf gegen einen äußeren, nicht greifbaren Feind, den “Kommunismus” (der in Vietnam, wie der Bedford-Sohn erkennt, doch nur die Angst vor Fremdbestimmung und eine entgleiste Form von Nationalismus, also das exakte Gegenteil war) rechtfertigen kann, mit seinem notorischen fremden- und schwulenfeindlichen Geschwätz, der Freude am Leid Anderer und seiner einzigen Freude, dem Kaufen von immer mehr Nutz- und Wertlosem, kann es keine Hoffnung geben, kein Glück in der Gegenwart. Allem Schönreden zum Trotz bröckeln hier die Fassaden einer Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Auswegslosigkeit noch gar nicht im Klaren ist. Diese Krise eines “Amerikanischen Traums”, der – wie schon einst Alfred Hitchcock mit “Psycho” zeigte – in wirklich eine gesamtgesellschaftliche Neurose ist, überlebt nur durch Krieg, durch grausame Ereignisse und die Schuld des Anderen, gegen den sich ein Kampf rechtfertigen lassen kann. Was einst Kommunisten waren, sind heute internationale Terroristen. Dabei sind doch die wirklichen Gefahren für ein würdiges und friedvolles Leben schnell gefunden – und in der Hälfte der Fälle muss dazu gar kein Schritt vor die Tür gesetzt werden oder gar eine Waffe zur Hand genommen werden, sondern nur die gefährlichen Vorurteile, Hetzereien und Rückschrittigkeiten hinterfragt und ersetzt werden. Wenn Jim Caldwell die Wracks der Autos sieht, sieht er eine Gesellschaft, die in Flammen steht, die auf dem Dach liegt, ausblutet und gerade ihren letzten Gedanken im Kopf hat, bevor es dunkel wird. In diesem großartigen Film von Billy Bob Thornton bekommt diese Gesellschaft keine Überlebenschance eingeräumt.

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