Kampf um bessere Bilder: Warum wir auf der Berlinale an der Welt scheitern müssen

Als seine Mutter den Kampf gegen den Krebs verliert, möchte Charlie Countryman (Shia LaBeouf) nicht als letztes Bild in Erinnerung behalten, wie sie an Maschinen gefesselt im Krankenhaus im Sterben liegt. Er ersetzt diese letzten Augenblicke ihres Lebens in seinem Kopf durch Bilder der Erinnerung an seine Kindheit, als er und seine Mutter noch glücklich und gesund waren. Es verschlägt ihn nach einer Vision nach Bukarest, wo er auf der Suche nach einem anderen Leben auch wahre Liebe findet, doch die schöne Rumänin Gabi (zerbrechlich und stark zugleich: Evan Rachel Wood) ist nicht nur eine begnadete Orchesterspielerin, sondern auch die Frau eines brutalen Drogenbosses (Mads Mikkelsen). Weil auch Gabi die Bilder ihres toten Vaters loswerden möchte, überdeckt sie sie wie Charlie mit Erinnerung an bessere Zeiten, die wie die Bilder auf der Filmleinwand längst vergangen sind. Gemeinsam können Charlie und Gabi nur wenige Momente glücklich sein – nur ein paar Gespräche, vielleicht einen Donut, einen Kuss, eine gemeinsame Nacht dürfen sie teilen. Doch mehr gönnen ihnen die Widrigkeiten der Verhältnisse nicht: die „verdammte Welt“ macht ihren Einfluss geltend. Zum Schluss, als er zusammengeschlagen kopfüber an einer Brücke aufgehängt wird, muss Charlie Countryman – wie es der Filmtitel auch verspricht – sterben: Gabi erschießt ihn auf Anweisung des Verbrecherkartells und muss in eine Welt der Hoffnungslosigkeit zurückkehren. Doch dem naiven Jungen aus Amerika bleiben vor seinem Tod noch ein paar Augenblicke, um dieses letzte schreckliche Bild der Liebe, die die Waffe gegen ihn richtet, durch ein besseres zu ersetzen – durch Bilder der Erinnerung an eine Vergangenheit, die wirklich lebenswert war.

Sehnsucht nach besseren Bilder vom Leben in "The Necessary Death of Charlie Countryman" (Foto: berlinale.de)
Sehnsucht nach besseren Bilder vom Leben in "The Necessary Death of Charlie Countryman" (Foto: berlinale.de)

So wie es in „The Necessary Death of Charlie Countryman” den Protagonist_innen Gabi und Charlie ergeht, quälen sich die meisten Figuren in den Wettbewerbsfilmen der 63. Berlinale durch ein Dasein, dass man gern mal eben austauschen würde. Sie fliehen mutig in Abenteuer und Revolutionen, kämpfen gegen Unterdrückung, Verrat und Tristesse an, stehen ein für eine Zukunft, in der sich die andauernden Gegenwartsprobleme endlich auflösen. Doch sie alle gehen an diesen menschlichsten Wünschen zu Grunde: Im russischen Beitrag „Dolgaya schastlivaya zhizn“ („Ein langes und glückliches Leben“) muss der engagierte Landwirt Sascha, der eine ehemalige Kolchose bewirtschaftet und so echte Arbeit und echte Werte schafft, letztlich in Kauf nehmen, dass er gegen korrupte Politiker und habgierige Kapitalisten keine Chance hat, dass er in einem System existiert, das es nicht zulässt, etwas Echtes zu schaffen. In „Gold“ macht sich eine kleine Gruppe von Deutschen auf einen gefährlichen Weg zu Goldquellen im kanadischen Norden, um dort Reichtum zu erlangen, oder wenigstens genug Gold zu finden, um die Familie in New York durchzubringen, doch zum Schluss bleibt vom halben Dutzend nur eine Einzige (Nina Hoss) übrig, der Rest fällt vom Pferd, wird erschossen oder tappt in (die auf einer Berlinale schon fast zynisch wirkende) Bärenfalle. Und „Vic+Flo“, die aus der Haft entlassenen ineinander verliebten Frauen, können kein neues Leben jenseits von Stadt und Kriminalität beginnen: Auch sie tappen in Bärenfallen der Vergangenheit, die sie gehofft hatten, schon überwunden zu haben.

Auch auf dieser Berlinale sind die Bilder erbarmungslos: Keine Gesellschaft in unserer Welt hat bisher ihren Namen wirklich verdient, niemandem ist in der unersättlich-mörderischen Profitwirtschaft ein echtes Glück beschert, keiner darf ein wirklich menschenwürdiges gutes Leben führen – dabei hatte man uns das doch einst versprochen. Am Ende scheitern wir alle an einer Welt, die unerträglich unvollkommen und erschöpft wirkt, und bezahlen dafür immer mit dem Leben. Viele Filme, die jenseits der Festivals in den Multiplex-Kinos oder im Privatfernsehen gezeigt werden, würden über diese Daseinskonflikte einen Schleier der Lüge legen, naive Bilder des Glücks überkleben – wie es Charlie Countryman versucht, in seinem Kopf zu tun. Doch auch im Mainstream-Kino (und nicht nur dort) ist die allgegenwärtige Gesellschaftskritik längt angekommen, und das ist auch erst die Leistung der Filmkunst, für welche sie in allen Ländern geliebt wird: zu enthüllen statt zu verschleiern, zu kritisieren statt nur zu profitieren. Nur dann können sich einst die untoten Bilder des Schreckens, die uns auf und vor der Filmleinwand begegnen, in die guten neuen Bilder eines guten neuen Lebens verwandeln – wir hätten es verdient.

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