Wulffs Einforderung von finanziellen Ehren ist eine Schande

Mit einer halben Million Euro pro Jahr kann eine Gesellschaft eine ganze Menge anfangen: Sie kann von diesem Geld ein Dutzend Lehrer_innen beschäftigen und so die Schulbildung für mindestens  zweihundert Kinder und Jugendliche anbieten. Sie kann das Geld in die Forschung stecken und so beispielsweise ihre medizinische Versorgung verbessern oder ökologisch verträgliche Energieerzeugung entwickeln. Sie kann mit dem Geld auch unzähligen Sportvereinen und kulturellen Einrichtungen eine gehörige finanzielle Hilfsspritze verpassen. Für eine halbe Million Euro im Jahr müssen die Mitglieder einer Gesellschaft viel und hart arbeiten, und so lässt sich damit auch vieles anfangen, Wichtiges und Fortschrittliches bewirken.

Doch für solche Zwecke wird es in der Bundesrepublik im nächsten halben Jahrhundert jedes Jahr eine halbe Million Euro weniger geben. Denn mit diesem Geld lässt es sich auch ganz gut aushalten, wenn man es in Form von Geld auf sein Bankkonto überwiesen und anhand von Büroflächen, Chauffeuren und Angestellten ausgezahlt bekommt. Klar, der gesellschaftliche Nutzen davon ist gering. Besser gesagt: Der Nutzen strebt gegen Null. Doch wer keine Ehre hat und dem eigenen Weltbild zufolge gern auf Kosten anderer sein Leben unterhält, will auf einen solchen Luxus natürlich nicht verzichten.

Die Akte Christian Wulff ließt sich wie das Drehbuch eines schlechten, langweiligen und völlig unglaubwürdigen Filmes: Erst lässt sich ein Ministerpräsident für einen lächerlich billigen Kredit von einem bekannten Multimillionär ein schrecklich hässliches Haus bauen, dann wird zur besten Sendezeit öffentlich über die Bettlaken und sonstigen Schlafgewohnheiten des zum Bundespräsidenten mutierten Konservativen diskutiert, letztlich – nach unerträglich langem Hinhalten und Rumwursteln – dankt das zur Witzfigur gewordene Staatsoberhaupt ab, weil es für all die Eskapaden eine Strafverfolgung fürchten muss. Der absurdesten Passagen des Skriptes: Die Verfolgungsbehörden lassen sich noch einen Termin geben, bevor sie zur Hausdurchsuchung vorbeikommen, und der für die Ehrenbesoldung zuständige Bundesinnenminister gibt den Fall mit der falschen Begründung „Ich bin nicht zuständig!“ einfach an die Verwaltung des zu Besoldenden ab. In welchem abstrusen Mitternachtskrimi gibt es denn so etwas?

Die schlechtesten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst – aber nur, wenn man das entsprechende Material liefert.  Was das betrifft, hat Christian Wulff die unglaublichsten Politiker_innen-Skandale der letzten Zeit noch eindrucksvoll und gekonnt übertroffen. Wer hätte gedacht, dass das nach der CDU-Spendenaffäre und Guttenberg, dem besten Freund von „Copy und Paste“, noch möglich ist?

Ob Christian Wulff, Deutschlands kläglich gescheiterter und bisher peinlichster Bundespräsident, seinem Amt geschadet und die von ihm repräsentierte Gesellschaft in der Welt lächerlich gemacht hat, ist eine Frage des persönlichen Standpunktes. Fest steht: Wenn Christian Wulff im Falle einer gerichtlichen Verurteilung nicht auf die ihm zugesprochenen Ehren verzichtet und so die Chance verstreichen lässt zu versuchen, wenigstens ein Mindestmaß an Ehre für sich und unser Land wiederherzustellen, ist er eine Schande. Dann hat er zwar ein Büro, helfende Hände und die zwanzigfache Rente mancher Arbeiter_innen, doch ehren wird ihn wohl niemand mehr.

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