Unüberwindbare Situationen: “V Subbotu” und “Amnistia” am Dienstag bei der 61. Berlinale

Der Dienstag auf den 61. Internationalen Filmfestspielen in Berlinale neigen sich unaufhaltsam dem Ende entgegen: Wer es drauf anlegte, konnte heute bis zu sechs Film sehen. Ich habe es darauf angelegt und nehme heute einige verstörende Eindrücke mit.

„V Subbotu“ (Alexander Mindadze, Russland/Deutschland/Ukraine 2011)um 9.30 Uhr im Friedrichstadtpalast startete intensiv: Ein Mann rennt durch die Nacht, atmet schwer, wird aber nicht langsamer. Der „aufgeklärte“ Berlinalebesucher weiß bereits, worum es in dem Film gehen wird. Für den Rest des Publikums, welches sich nicht vorab informiert hat (was völlig legitim ist), erfährt erst nach einigen atemlosen Minuten den Anlass: Gerade hat ein Störfall im Atomkraftwerk Tschernobyl einen Brand ausgelöst. Was sich in den darauf folgenden 36 Stunden zur verheerendsten Katastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernkraft entwickeln wird, ist hier für die Einsatzkräfte erst einmal nur ein unpassendes „Geschenk“ zum Tag der Arbeit, welcher an diesem Samstag, dem 26. April 1986 unmittelbar bevorsteht. Von den Folgen des GAUs möchte so gut wie niemand sprechen. Die wenigen, die die Lage von Beginn an als richtig einschätzen, werden eingeschüchtert. „V Subbotu“ (russisch = „Am Sonnabend“) erzählt die Geschichte des letzten Tages in Frieden und Unschuld: Ein Liebespaar feiert seine Hochzeit, eine Arbeiterin freut sich auf ihren Gesangsauftritt bei der Party und die Vorbereitungen von Partei und Jugend auf die Feierlichkeiten zum 1. Mai laufen auf Hochtouren. Der zentrale Protagonist des Films, der von Anfang an weiß, was passiert ist, lässt mehrere Chancen ungenutzt, um sich und seine Freundin aus der Stadt zu bringen – während die Strahlenbelastung immer weiter steigt. Warum lässt er die Möglichkeiten verstreichen? Wohl um einen letzten Tag Normalität verleben zu können, bevor die Strahlenkrankheit seinen Körper zerstört. Die ständigen Nahaufnahmen der erst fröhlichen ausgelassenen, dann der ungläubigen und verzweifelten, schließlich der Angst erfüllten und hoffnungslosen Gesichter der zentralen Charaktere geben die Chance, zu deuten, was in diesen Menschen vor sich geht. Die vielen Facetten der menschlichen Seele, die in diesen Gesichtern zum Ausdruck kommen, werden hier nicht mit Worten wiedergegeben werden können. Zusammen mit „Unter Kontrolle“ setzt die 61. Berlinale ein klares Zeichen gegen die weitere Nutzung der Atomenergie zur Erzeugung von Elektroenergie.

„Amnistia“ („Amnesty“, Bujar Alimani, Albanien/Griechenland/Frankreich 2011) folgte kurz darauf im Kino Arsenal. Eine Albanerin und ein Albaner, die sich nie zuvor gesehen haben, besuchen einmal im Monat den Ehepartner im Gefängnis. Jeder Besuch verläuft gleich: Erst wird das süffige Bett bezogen, ein Kondom angelegt und der Rest ergibt sich von selbst. Wie Maschinen und ohne Gefühl vollzieht sich der Beischlaf alle vier Wochen aufs Neue, die Gesichter des jeweiligen Gegenüber bleiben verborgen, nur die roboterartig sich bewegenden Rücken sind zu sehen. Der Staat möchte sich mit dieser neuen Strafvollzugserleichterung Richtung Europäische Union einschleimen. Für die vier Menschen hingegen wird das Leben, das von Armut und Langeweile geprägt ist, davon nicht zwingend besser. Als sich die beiden Menschen, die noch in „Freiheit“ leben, mehr oder weniger mehrmals zufällig treffen, geschieht das Unvermeidliche. Ab dann sind die monatlichen Besuche im Gefängnis nur noch Routine, beim Verkehr blenden sie Ehegatten bzw. -gattin aus und stellen sich in der Phantasie ihre neue Liebe vor. Als die Eheleute nach der Schließung des Gefängnisses wieder zusammenkommen, hält sich die Freude in Grenzen. „Amnistia“ zeigt, wie aus der Armut und Hoffnungslosigkeit entstandene Kriminalität Familien verreißt und Menschen voneinander entfremdet; in der Trostlosigkeit helfen den Protagonisten in dem Film nur noch Alkohol, Gewalt und in der Endlosschleife laufende Pornos. Die Hoffnung, die aus der neuen kurzen Liebe entsteht, wird genauso schnell wieder zerrissen, wie sie entstanden ist. Auf eine Begnadigung können die beiden Figuren nur durch ihren Tod hoffen.

Morgen geht es unter anderem weiter mit dem Drama „A torinói ló“ („The Turin Horse“, Béla Tarr, Ungarn/Frankreich/Deutschland/Schweiz/USA 2010), „The Future“ (Miranda July, Deuschland/USA 2011) und dem deutschen Film „Der Preis“ (Elke Hauck, Deutschland 2011) in der Sektion Perspektive Deutsches Kino weiter. Ich hoffe, dass ich zwischen den sechs Filmveranstaltungen noch die Gelegenheit finde, euch über die aktuellen Seheindrücke, auch zum heutigen Berlindrama „Die Jungs von Bahnhof Zoo“, auf de Laufenden zu halten. Jetzt ruft das Bett.

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