Vielleicht der Beginn eines historischen Umbruchs

Die weltweiten Proteste gegen die Auswüchse der Finanz- und Spekulationswirtschaft und die enorme Beteiligung an den Demonstrationen nicht nur in New York, Rom und Frankfurt, sondern hunderten Städten zeigen, dass die Menschen endgültig die Nase voll haben: Es ist schon lange keine „ideologische Floskel“ mehr, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, im Gegenteil – es ist eine schlichte Beobachtung unserer düsteren Gegenwart, die jedem Menschen in die Augen springt. Wissenschaftler_innen rund um den Globus weisen seit Jahrzehnten auf die gesamtgesellschaftlichen Probleme hin und benennen die Kernursachen für die enormen sozialen Widersprüche: Spekulationen mit abstrakten Finanzprodukten, Devisen und sogar Agrarerzeugnissen, mangelnde Regulierungen auf internationaler Ebene und zu wenig Ausgleich zwischen den Einkommensschichten. Immer mehr Menschen trauen sich inzwischen wieder, die fataler Weise als überholt geltende Idee einer klassenlosen Gesellschaft wieder auf die Tagesordnung der Geschichte zu setzen. Doch statt endlich zu handeln, kümmert sich die Politik darum, den schädlichen Banken nochmehr Geld zu schenken, Steuern für Reiche weiter zu reduzieren und so die Kluft zwischen Nichtshabenden und Supermächtigen bis zur Unüberwindbarkeit zu vertiefen.

Dass bisher nichts passiert ist, um die Konflikte wenigstens abzumildern, rächt sich in ganzer Deutlichkeit: Die Armut wächst selbst in den reichen Industrienationen auf ein unerträgliches Maß, obwohl alle lebensnotwendigen Ressourcen in Hülle und Fülle verfügbar sind; die Zahl der Hungernden steigt wieder auf fast eine Milliarde Menschen – eine Schande für uns alle; das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber sozialer Ungerechtigkeit artet teilweise in blinder dummer Zerstörungswut wie in Italien aus.

Allmählich ist das Fass voll, die Geduld der Menschen ist ausgereizt. Bewegungen wie „Occupy Wall Street“ gab es auch schon früher in vielen Ländern der Welt; in Griechenland und Spanien protestiert die ausgenommene Bevölkerung schon seit Monaten gegen die diktierte Verarmung. Doch jetzt ist alles anders: Es sind nicht mehr die „üblichen Verdächtigen“, also die „alten Hasen“ der Kapitalismuskritik, die Vermummten, die schon nicht mehr wissen, wogegen sie eigentlich kämpfen, oder die völlig Mittellosen, die von Arbeitslosigkeit und Tristesse geknechtet werden, – nun demonstrieren, wie zuvor schon in Stuttgart gegen ein nichtsnutziges Milliardenprojekt, auch die sonst angepassten „Eliten“, die „Intelligenz“, das „Bürgertum“. Selbst Teile der Industrie scheinen inzwischen durchschaut zu haben, dass die Welt gegen eine Wand zu rennen droht. Und: Der Widerstand formiert sich auf der ganzen Welt. Dass die Proteste derzeit sogar in den USA, der Heimat der entlarvten Ideologie eines Rechts auf „Streben nach Glück“, an Kraft gewinnen, zeigt, dass es ein weit reichendes Umdenken gibt – auch und gerade dort, wo es bisher nicht einmal erahnt werden konnte, dass es in absehbarer Zeit eine solche Gegenwartskritik geben würde.

Ob die Proteste die Kraft haben werden, um eine grundlegende Veränderung der Verhältnisse zu bewirken, hängt vor allem davon ab, ob der Zulauf zu den Demonstrationen weiter anhält, die Bewegung damit weiter wächst und die Menschen nicht müde werden, laut und unübersehbar zu sein. Vielleicht sind dann diese Tage der Beginn eines historischen Umbruchs, an den wir uns einst erinnern werden.

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